Bayern 2 - Zündfunk

Gewaltbereite Querdenker "Wir müssen uns auf etwas gefasst machen"

Der Journalist Alexander Roth recherchiert in der Querdenker-Szene. Längst beobachtet er eine gewaltbereite Radikalisierung. Waffenkäufe, aber auch reale Ängste. Wie kann der Staat damit umgehen? Und wie konnte es so weit kommen?

Von: Sandra Limoncini

Stand: 07.12.2021

Anti Corona Proteste in Sachsen | Bild: picture-aliance

Seit rund anderthalb Jahren beobachtet der Journalist Alexander Roth die Querdenker-Szene. Sein Blick geht dabei vor allem auf den Messengerdienst Telegram. Roth ist an den Köpfen hinter der Querdenker-Szene interessiert, er will darüber berichten was sie im Verborgenen machen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er diese Personen recherchiert.

Alexander Roth: Ich habe mir anfangs angeschaut, welche Leute bei der Querdenker-Initiative in Stuttgart auf der Bühne standen. Dort wurde auch per Livestream gesendet. Ich habe diese Leute recherchiert. Und da sind mir Überschneidungen aufgefallen zur esoterischen Szene, zur Reichsbürger-Szene, teilweise auch zur rechtsextremen Szene. Und das war der erste Ansatzpunkt. Dann die Telegram-Gruppen, die relativ früh ganz offen kommuniziert wurden auf diesen Demos. Und von dort aus konnte man sich in einer Art Schneeballsystem vorarbeiten – zu immer neuen Gruppierungen.

Zündfunk: Sie haben auf Twitter geschrieben, wir müssten uns auf etwas gefasst machen. Worauf denn genau?

Es werden immer wieder Verbindungen aufgedeckt in extremistischen Milieus. Es werden Reden analysiert und die Symbolik auf diesen Demos. Und zum anderen erleben wir eine verbale Eskalation. Die Impfpflicht-Debatte verstärkt die Verschwörungserzählungen in der Szene. Diese kursieren schon lange. Dass die Impfung sehr gefährlich sei, tödlich sei und dass es eine Art Impf-"Zwang" geben würde.

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Alexander Roth "Die #Telegram-Kommentarspalten der sogenannten 'Freien #Sachsen' sind ein Hort des Hasses. Regelmäßig veröffentlichen User konkrete Todesdrohungen, fantasieren einen Bürgerkrieg herbei oder tauschen sich über verhasste Politiker und Politikerinnen aus." #Querdenker https://t.co/ySWt88snW5

Aber das steht ja nicht zur Debatte, dass Leute daheim aufgesucht und am Arm festgehalten werden. Aber dennoch verbinden diese Menschen damit so starke Ängste, dass sie diskutieren, welche Waffen man sich besorgen kann, und wie man sich dann wehren kann. Das müssen wir uns bewusst machen, dass das bevorsteht.

Sie befürchten also eine weitere Radikalisierung. Aber woran machen Sie die genau fest?

Zum einen verschärft sich auf Telegram der Ton enorm. Da haben wir gerade viele Gewalt und Tötungsfantasien, teilweise gegen konkrete Personen. Es werden Listen eingelegt oder eingefordert, mit Adressen und Privatadressen von Politikerinnen und Politikern und anderen politischen Feinden. Und zum anderen erhöht sich die Konzentration der Angriffe auf Demonstration, auf Impfzentren und auf mobile Impfteams. Das trägt zur Gewaltspirale bei, denn es hat wiederum eine Signalwirkung zurück ins Netz.

Hat die Diskussion um die Impfpflicht die Lage so extrem verändert?

Es ist zum einen so, dass die Impfung momentan das zentrale Narrativ ist. Und wenn man davon ausgeht, dass diese Leute ein geschlossenes, verschwörungsideologisches Weltbild haben, dann bedeutet das: Für sie ist das eine reale Angst. Sie fühlen sich mit dem Rücken zur Wand. Und sind dementsprechend eher bereit, radikal zu werden. Und auch wenn die Impfpflicht jetzt nicht kommen sollte, wird sich ein neuer Anlass finden. Denn im Kern geht es vielen eigentlich nur um den Systemsturz.

Jetzt hat ja die designierte Innenministerin Nancy Faeser gesagt, dass einer ihrer Schwerpunkte in der Bekämpfung der Rechtsradikalität in Deutschland liegen wird. Würden Sie sagen, dass die Politik etwas tun kann? Wenn ja, was?

Das staatliche Zögern hat die Situation nicht verbessert. Es gab immer wieder Versuche mit diesen Leuten zu reden. Das hat aber nur das Gegenteil bewirkt – die Szene hat das Gefühl, sie kann was erreichen. Der Staat muss die Taktik ändern. Er kann diese Demonstration nicht einfach laufen lassen. Das sendet fatale Signale. Es zeigt sich immer wieder, was von diesen Demonstrationen zu erwarten ist und dass es hier im Kern auch nicht um die Themen geht, zu denen sie angemeldet wurden.

Sind Sie selber, Herr Roth, auch schon bedroht worden?

Leider ziemlich oft schon. Das ging mit Drohungen los. Es gab eine Unterhaltung auf Telegram, in der mein Name fiel, wo dann auf einmal auch der Satz fiel „die Szene braucht einen Einzeltäter“ oder „ohne eine Kugel in den Kopf wird nichts passieren.“ Dann Drohungen per Mail, Drohungen am Telefon, Videos auf Telegram. Das ist leider Alltag, auch für andere Kolleginnen und Kollegen, die über Querdenker berichten.