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„Cruel Country“ Wilco verraten mit diesem genialen Country-Album, wie schlecht es um die USA steht

Die Chicagoer Band Wilco um Jeff Tweedy veröffentlicht mit „Cruel Country“ ihr zwölftes Studioalbum. Ein doppeldeutiges und zweischneidiges Meisterwerk. Über die Schönheit der Countrymusik und die Grausamkeiten im Wilco-Land USA.

Von: Matthias Hacker

Stand: 31.05.2022

Der Frontmann der Band Wilco, Jeff Tweedy, auf dem Dach seines berühmten Lofts in Chicago | Bild: picture-alliance/dpa

„Ich liebe mein Land wie ein kleiner Junge, so dumm und so grausam“. Als Jeff Tweedy diese Textzeile für das neue Album „Cruel Country“ geschrieben hat, war das Massaker an der texanischen Grundschule noch nicht geschehen. Aber es passiert ja ständig etwas in den USA. Und doch machen Titel und Textzeile jetzt noch trauriger.

Noch schlimmer wird es, es schmerzt richtig in der Magengrube, wenn Tweedy später auf „Hearts Hard To Find“ singt, dass es ihn manchmal nicht kümmern würde, wenn Leute sterben. Er frage sich auch, warum er nicht weinen kann. Vielleicht ist er abgestumpft oder einfach nur böse. „Cruel Country“ ist Jeff Tweedys Rede zur Lage der Nation. Manchmal auch eher der Abgesang.

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Hearts Hard to Find | Bild: Wilco - Topic (via YouTube)

Hearts Hard to Find

Ein doppeldeutiges Album über Wilcos Hass-Liebe zu den USA

„Cruel Country“. Der Titel des neuen Wilco Albums ist doppeldeutig. Da ist die politische Lesart: die Hass-Liebe, die Wilco mit den USA verbindet. Wilco haben sich immer wieder kritisch mit der Geschichte ihrer Heimat auseinandergesetzt, das ist ja gute Country-Tradition. So auch jetzt wieder. Im Song „Hints“ deutet Tweedy Sklaverei, skrupellose Landnahme und Vertreibung der indigenen Stämme an. Er fragt: „Kannst du dich erinnern, als unser Kontinent noch leer war?“ Und: „Es gibt keinen Mittelweg, wenn die andere Seite lieber tötet, als Kompromisse einzugehen.“

Die andere Lesart des Titels „Cruel Country“ ist die offensichtlichere. Es ist erstmals ein ganz offiziell und auch von der Band selbst so genanntes Country Album. Das ist durchaus bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Wilco Mitte der 90er Jahre ständig in die Alternative Country-Schublade gesteckt worden sind. Und ja, sie haben sich schon mit der Vorgänger-Band Uncle Tupelo am Country-Baukasten bedient. Aber mit dem konkreten Genre-Stempel „Country“ war die Band nie wirklich glücklich. Sie haben ihre Musik immer als etwas Eigenständiges verstanden. Jetzt schreibt Jeff Tweedy in einem kurzen Essay zur neuen Platte: „Ich sag euch was: Diesmal nennen wir es wirklich Country. Unseren Country. ‘Cruel Country.’  Country, der in unseren Ohren auch wie Wilco klingt.“

Wilco holen das amerikanische Musikerbe ins neue Jahrtausend

So kann man jetzt sagen, dass Wilco mit Pedal Steel, Orgel, Banjo und rollenden Bassläufen auf der Westerngitarre wieder zu ihren alten Wurzeln zurückkehren. Andererseits ist das eben nicht richtig. Wilco waren immer eine Band, die es wie wenig andere geschafft hat, das amerikanische Musikerbe mit Americana, Folk, Country, Western, Gitarrenrock locker, modern und sophisticated ins junge Jahrtausend zu holen. Sie waren damit für viele Menschen identitätsstiftend. Für diejenigen, die sich von den alten Musiktraditionen allmählich lossagen wollten und für jene, die aus der Indie-Bubble auch mal mit konservativeren Klangwelten geliebäugelt haben. Wilco waren Grenzgänger und nicht die klassische Nashville-Country-Konserve. Wilco sind Country-Erneuer. Jetzt geben sie dem ganzen einen Namen. „Country Song - Upside Down“

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"Tired of Taking It Out On You" by Wilco | Cruel Country | Bild: wilco (via YouTube)

"Tired of Taking It Out On You" by Wilco | Cruel Country

Auch das Füllmaterial hat seinen Charme

Erst im Januar ist das neue Buch von Jeff Tweedy erschienen. Der Titel: „How to write one Song“. Auf Cruel Country sind es immerhin 21 Songs, die er sich ausgedacht hat. Und er hätte sicher noch mehr im Chicagoer Loft rumliegen gehabt, dort, wo die Band auch dieses Album wieder eingespielt hat. Nun kommt kein Doppelalbum ohne die sogenannten Filler aus. Das schwächere Füllmaterial. Nicht mal bei Wilco. Aber nachdem sich meine Aufmerksamkeit beim ersten Hören gleich auf die wunderschön instrumentierten Countrysongs gestürzt hat, verliebe ich mich nun auch in die Filler. Die unscheinbaren Wilco-Hits mit der grandiosen Jeff Tweedy-Poesie. Ich verliebe mich in „Ambulance“: Einen Song über die skurrilen und poetischen Gedanken eines sterbenden Junkies in der Notaufnahme.

Es sind die Geister, die Wilco gerufen haben

Wilco Sänger und neuerdings auch Schriftsteller: Jeff Tweedy

In „Darkness is Cheap“ zitieren Wilco die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens über den verbitterten Mr. Scrooge. Das Zitat „Darkness is cheap“ ist eine Allegorie darauf, lieber billiig und boshaft im Dunkeln zu wandern, als in eine hellere Zukunft zu investieren. Wir können diese Zeilen poetisch, aber natürlich auch politisch lesen. Stichwort: Waffenpolitik, Klimakrise oder Rassismusdebatte. Sind Wilco nun also selbst so verbittert wie Dickens‘ Mr. Scrooge? Nein, denn Tweedy‘s poetischer Realismus versucht sich an der ganz großen Gesellschaftskritik - mit dunklen Anekdoten und Alltäglichem. Gern mit Witz und Ironie. Aber dann wieder so bitter, dass es mir manchmal die Kehle zuschnürt.

Wie heißt es noch im Titelsong: „I love my country. So stupid and cruel.“