Bayern 2 - Zündfunk

"And In The Darkness, Hearts Aglow" Weyes Blood spendet Trost in einer krisengebeutelten Welt

Die Kalifornierin Natalie Mering alias Weyes Blood singt gegen die Krisen dieser Zeit an. Das neue Album der 34-Jährigen „And In the Darkness, Hearts Aglow“ spendet mit Arrangements, die an Phil Spector und Brian Wilson erinnern, Trost. Ihr Meisterwerk.

Von: Roderich Fabian

Stand: 21.11.2022

Es gibt ein Youtube-Video, da sieht man Weyes Blood 2017 live bei einem Sommerfest in Neuseeland. Bei strahlendem Sonnenschein haben es sich etwa 50-60 Leute in Liegestühlen vor der Bühne gemütlich gemacht. Die Sängerin singt zu einem instrumentalen Playback den Lou-Reed-Klassiker „Perfect Day“ mit voller Inbrunst und meist geschlossenen Augen und man bemerkt sofort: Ihr geht es um alles.

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WEYES BLOOD "Perfect Day" @ Aotea Square, Auckland, NZ 24th January 2017 | Bild: Ivan Karczewski (via YouTube)

WEYES BLOOD "Perfect Day" @ Aotea Square, Auckland, NZ 24th January 2017

Bei Natalie Mering - wie Weyes Blood mit bürgerlichen Namen heißt - hat man immer das Gefühl, dass es um alles geht, also um mehr als Entertainment oder die Verbreitung von angenehmen Vibrations. Und so ist das auch bei „And In The Darkness, Hearts Aglow“, ihrem fünften Solo-Album.

Das geht allen so

„Manchmal werden wir uns selbst fremd“ singt Weyes Blood im Eröffnungstrack „It’s Not Me, It’s Everybody“ und verallgemeinert dabei ein Gefühl der Isolation, das sich bei ihr während der Corona-Lockdowns verstärkt hat. Sie weiß eben: Das ging allen so: Not just me… everybody. Das neue Album ist Teil zwei einer Trilogie. Teil eins hieß „Titanic Rising“, erschien 2019 und warnte wie eine Kassandra vor bevorstehenden Katastrophen. Das neue Album ist nun direkt aus dem Zentrum des Chaos, aus der allgemeinen Verunsicherung heraus geschrieben. Nun - singt sie in „Children of the Empire“ - wir haben keine Zeit mehr, aus Angst zu erstarren.

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Weyes Blood - It's Not Just Me, It's Everybody (Official Video) | Bild: Weyes Blood (via YouTube)

Weyes Blood - It's Not Just Me, It's Everybody (Official Video)

Dies ist nicht der einzige Track des neuen Albums, der hymnisch wirkt und klingt. Weyes Blood verweist musikalisch immer wieder auf das Urgestein der kalifornischen Popmusik, auf den Wall of Sound eines Phil Spector und auf den von Beach Boy Brian Wilson aus den frühen und den späten Sixties. Und Weyes Blood hat sich dazu in Jonathan Rado den idealen Verbündeten als Produzenten gesichert. Rado ist die eine Hälfte des genial-nostalgischen Pop-Duos Foxygen. Also dröhnen die digitalen Geigen aus den Keyboards, die Lemon Twigs steuern Gitarren und Drums bei, die Herzen erglühen im Auge des Hurrikans.

Das Herz muss erglühen

Weyes Blood ist sich bewusst, dass die Lösung der Probleme zwar banal sein mag, trotzdem muss es immer wieder neu verkündet werden: Gerade in tiefster Dunkelheit muss das Herz erglühen, ist die Liebe vonnöten. Und mehrere Songs auf diesem Album feiern dann auch ganz schlicht die Rettung durch die Hingabe an den Nächsten. Denn alles andere ist Narzissmus, wie ihn Natalie in „God Turn Me Into A Flower“ warnend besingt. Wie Narziss in der griechischen Mythologie erkennt auch die Instagram-vernarrte Jugend ihr Spiegelbild nicht mehr und verliebt sich in sich selbst, bevor sie Gott in eine Blume verwandelt.

Retro und doch aktuell

Und dazu erklingen hier die Samples des Sound-Akrobaten Oneohtrixpointnever. Weyes Blood schafft auf „And In The Darkness, Hearts Aglow“ tatsächlich das Kunststück, melancholisch-topaktuell und gleichzeitig völlig retro zu klingen, an ihre erklärten Vorbilder zu erinnern, also an Lou „Perfect Day“ Reed und auch an Harry „Without You“ Nilsson. Genau wie bei diesen beiden ist auch bei Weyes Blood immer ein humorvolles Augenzwinkern mit dabei. Hier wird nicht nur die hehre Kunst zelebriert, hier geht es auch immer noch darum, Spaß am Leben zu haben. Und nach der Ankündigung der Katastrophe und dem Durchleben derselben muss in Teil drei der Trilogie notwendigerweise die Erlösung kommen. Hinten auf dem Album heißt es eh: „The Worst Is Done“… oder etwa doch nicht?