Bayern 2 - Zündfunk


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„Yaral Sa Doom“ Das schwedisch-senegalesische Wau Wau Collectif zeigt, wie sich Kulturen empathisch umarmen können

Es ist toll, wenn sich Musiker aus verschiedenen Kontinenten gegenseitig befruchten, aber man kann auch viel falsch machen, vor allem wenn die eine Seite die andere ausbeutet. Wie man richtig die Welt umarmt, zeigt das Wau Wau Collectif aus schwedischen und senegalesischen Musikern.

Von: Michael Bartle

Stand: 15.03.2021

Das Wau Wau Collectif | Bild: Sahel Sounds/Wau Wau Collectif

Die Reise zueinander beginnt im Jahr 2018. Es ist eine warme Märzwoche – zumindest im Senegal. Der schwedische Musikforscher Karl Jonas Winqvist reist mit einem Stipendium der schwedischen Kulturstiftung in das Fischerdörfchen Toubab Dialaw, steigt dort ab in dem von einem fast 90-Jährigen Haitianer geführten Hotel „Sobobade“. Eine Künstler-Oase, deren Bilder mein gesamtes Fernweh zum Hyperventilieren bringen. Winquist erzählt, dass sie sein Leben verändert habe: „Ich war ja zuvor noch nie in Afrika. Sobobade ist ein einzigartiger Ort, ein Mix aus Haiti und dem Senegal – fast wie ein Voodoo-Tempel. Es ist wunderschön dort.“

Ein (un)glücklicher Zufall führt zur Bandgründung

An diesem Ort trifft, spielt, improvisiert und fieldrecorded Karl Jonas Winqvist mit einer ganzen Menge lokaler Musiker, er selbst ist nur mit einer Autoharp bewaffnet, der Omnichord. Drei Monate bleibt er, sammelt Stunden um Stunden Material – aber erst ein glücklicher Zufall bringt ihm sieben Extra-Tage und den Durchbruch. Weil die Piloten von Air France streiken, geht sein Flugzeug nicht, er muss zurück ins Fischerdörfchen und beginnt mit seinem Wau Wau Kollektif nun tatsächlich, richtige Songs zu schreiben. Und nimmt endlich auch Gesangsspuren auf – unter anderem mit dem Barbesitzer und Poeten Djiby Ly.

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Wau Wau Collectif - Salamaleikoum (from the album 'Yaral Sa Doom) | Bild: Sahel Sounds (via YouTube)

Wau Wau Collectif - Salamaleikoum (from the album 'Yaral Sa Doom)

Die gemeinsamen Aufnahmen verbleiben zunächst im Senegal, im Studio von Arouna Kane, Karls neuen Partner. Zwei Jahre lang schicken sich Karl und Arouna die Aufnahmen hin und her, vom Stockholm in den Senegal und zurück, an beiden Orten spielen weitere Musiker Overdubs ein. Karl geht so behutsam wie möglich an das Projekt, er will nichts falsch machen, niemanden ausbeuten – die Musik, sagt er mir, sie gehöre zu allererst den Musikern aus dem Senegal: „Arouna wollte die Spuren zunächst im Senegal behalten. Er hoffte wohl, dass ich dann nochmal zurückkommen werde. Ich wollte den Musikern dort unbedingt das Gefühl geben, dass es genauso ihr Projekt ist wie meines.“ Wenn sich das Album verkaufe, solle jeder Musiker, jeder Komponist seinen Anteil bekommen, meint Karl. „Es ist so schwierig, da keinen Fehler zu machen. Aber es ist der einzig mögliche Weg. Wir haben dann zusammen entschieden, dass es ein Mix aus beiden Kulturen werden soll. Und das wurde es dann auch: Eine schwedisch –senegalesische, fast außerweltliche Mischung.“

Wau Wau Collectif - ein Mix aus Schweden und Senegal

Die Tracks bleiben auf Reise, werden geschliffen, behauen, die Kulturen und Ansätze ineinander verwoben. Der Sound wird weich und soft, tuckert schläfrig vor sich, fällt immer wieder in einen tiefen trans-ozeanischen Sekundenschlaf – und ist vielleicht gerade deshalb so schön psychedelisch und outernational – oder wie Karl es selbst sagt: ein otherwordly mix. Aber es muss ein weiterer Zufall eingreifen, bis auch noch einer der Standout-Tracks des Albums zustande kommt. Er heißt „Mouhamodou Lo and his children“. Und die Geschichte erzählt viel über Karl und seine Herangehensweise.

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Wau Wau Collectif - Mouhamodou Lo and His Children (music video) | Bild: Sahel Sounds (via YouTube)

Wau Wau Collectif - Mouhamodou Lo and His Children (music video)

Dieser Mouhamodou oder Mo ist ein Taxifahrer in Stockholm, der Karl und seine beiden jungen Söhne zu einer Geburtstagsparty chauffiert. Karl hat dummerweise seinen Geldbeutel vergessen, bittet Mo, am nächsten Tag zahlen zu dürfen. Wie sich herausstellt, kommt Mo aus dem Senegal, Karl erzählt ihm von seinem Projekt, lädt ihn in sein Studio ein. Am nächsten Tag bringt Mo seine beiden Kinder mit ins Studio, hört sich die Tracks an, ziert sich aber zunächst, selbst einzusingen. „Ich hab ihm zwei oder dreimal gefragt, ob er nicht was einsingen will“, schwärmt Karl. „Er hatte mir ja erzählt, dass er früher selbst gesungen und Gedichte geschrieben hatte. Aber er lehnte ab, sagte, seine Stimme sei schon eingerostet.“ Seit 20 Jahren habe er nicht mehr gesungen, schämte sich auch vor seinen Kindern. Aber die Kinder und Karl haben nicht lockergelassen. Er sei schon fast am Gehen gewesen, da hätten sie es ein letztes Mal versucht: „Bitte, Mohammodou, nur einen Song.“ Und dann habe er sich ein paar Minuten hingesetzt, etwas aufgeschrieben, sei ans Mikrofon gegangen und habe diesen wundervollen Gesang abgeliefert. „Seine Kinder wollten dann auch rein ins Studio, ihn mit einer Antwort necken, er wollte das erst nicht, sagte, das würde den Song kaputt machen. Aber dann haben sie sich durchgesetzt. Und ich glaube, das hat dem Song zusätzliche Magie gegeben.“

Die interkulturelle Umarmung, ohne Übergriffig zu werden

Die Globalisierung hält also noch eine Extra-Volte für Karl Jonas Winqvist bereit. Seine musikalische Abenteuerreise in den Senegal endet vor seiner Haustür in Stockholm – mit dem Taxifahrer „Mouhamodou Lo and his children“ – genau wie der Song getauft wurde, der auf das Album sozusagen den Deckel draufmacht. „Yaral Sa Doom“ heißt das Debüt, zu Deutsch: Lasst uns die Jungen erziehen. Und tatsächlich kann man lernen von diesem Album. Einem Album, das selbst einiges mitgenommen hat aus den Diskussionen um „kulturelle Aneignung“: Wie man es richtig macht, sich gegenseitig musikalisch zu umarmen, zu befruchten, voller Respekt  – und ohne übergriffig zu werden: das zeigt dieses Album.


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