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Album der Woche: "Age Of" Warum Oneohtrix Point Never auf seinem neuen Album scheitern möchte

Produziert von James Blake, mit R’n‘B-Vibes und Vocals von Anohni: Der Experimentalmusiker Oneohtrix Point Never ist ungewohnt eingängig auf seinem neuen Album. Auf „Age Of“ komprimiert er die gesamte Musikhistorie auf 13 Tracks. Sein gezieltes Scheitern ist grandios!

Von: Maria Fedorova

Stand: 28.05.2018

Wir sind in der grauen Vorzeit der Menschheitsgeschichte: Die Vorläufer des Homo sapiens versammeln sich um einen schwarzen Brocken. Er kommt straight out of space, hat eine magische Kraft, wahrscheinlich haben ihn Aliens verloren. Der Monolith spuckt Wissen und Bildung auf den Planeten und spornt die Evolution an.

So hat sich Stanley Kubrick den Anfang der Zivilisation in seinem SciFi-Meilenstein „2001: Odyssee im Weltraum“ vorgestellt. Der amerikanische Künstler Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never ist nicht der erste, der sich von Kubrick inspirieren lässt. Er geht aber einen Schritt, nein, einen Quantensprung weiter. Sein Album „Age Of“ ist das musikalische Sequel zu „2001“. Nur geht es diesmal nicht um den Anfang, sondern um das Ende der Zivilisation. Aliens mit künstlicher Intelligenz haben uns ausspioniert, mit all unseren Onlinedaten war es ein Leichtes, die Welt zu erobern. Daniel Lopatin spekuliert in 13 Tracks: Was hätten die Außerirdischen über unsere Musik gelernt? Was sind die Geräusche, die wir in den letzten Jahrtausenden erzeugt haben?

Futuristische Pop-Nostalgie produziert von James Blake

Auf diesem post-kosmischen Album arbeitet Oneohtrix Point Never zum ersten Mal mit menschlichen Stimmen: Außer ihm selbst sind Anohni und Prurient zu hören. Hin und wieder ertönt eine Cembalo-Melodie, die eigentlich im Pop schon länger ziemlich out ist. Das Cembalo steht hier für die komplexe Mensch-Maschine-Beziehung, für die Rolle der Technik in der westlichen Kultur: Ein Instrument, wie erschaffen für Leistungsfreaks wie Mozart: „Es repräsentiert den Höhepunkt der damaligen westlichen musikalischen Leistung, klammert aber auch andere Zugänge und Kulturen aus. Es ist also auch ein böses Instrument. Dieser Song und die Verwendung des Cembalos ist wie eine schwarze Komödie für mich. Ich bin kein Fan der Renaissance, so Lopatin.

Vom Neo-Barock beamt sich Oneohtrix direkt zurück in das 21. Jahrhundert. Er bearbeitet einen R’n‘B Track, den er ursprünglich für Usher geschrieben hat. Und versucht sich an einer 70er Jahre-Version seiner selbst: „Ich habe sehr Todd Rundgren und Stevie Wonder gehört. Stevie Wonders Album ‘Music Of My Mind’ haut mich einfach um. Er wirkt so frei, so feinfühlig in seiner Ausdrucksweise. Jedes Instrument will er selbst spielen. Und wenn er an den Drums sitzt, klingt es, als ob er noch jammt, als ob er sich dem Instrument langsam anpassen würde“, so Lopatin begeistert.

Ein Statement so simpel wie genial

Die retro-futuristische Pop-Nostalgie wird bei „Oneohtrix Point Never“ von Album zu Album immer ausgereifter. Auf “Replica” sampelte er 80er Jahre-Werbespots, für den preisgekrönten Soundtrack zum Thriller “Good Time” hat der 35-Jährige Synthie-Pop und Noise durchdekliniert. Auf dem neuen Album „Age Of“ will er gleich die gesamte Musikgeschichte zusammenpuzzeln. Ganz schön größenwahnsinnig, könnte man meinen.

Aber Lopatin ist smart genug Lücken zu lassen. Seine Musikgeschichte der Menschheit ist unvollständig, subjektiv und scrollt von einem Genre zum Nächsten. Alles ist verfügbar, aber nichts ist sicher. Das Statement, das er mit dieser Oneothrix Point Never-Platte setzt, ist so simpel wie genial. Denn die Geschichte der Menschheit wird in der Regel von denen geschrieben, die die Mittel dazu haben. Und damit sind unsere kühnsten und spektakulärsten Vorstellungen von der Zukunft höchst subjektiv. Gemacht von denen, die die Gegenwart beherrschen. Eine Selbstreflektion, die Daniel Lopatin als einen der klügsten Musiker seiner Generation ausweist.