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Album der Woche: In a Poem Unlimited Wieso wir nach #metoo das neue Album von den U.S. Girls brauchen

Das Album "Half Free" von U.S. Girls lief unter dem Radar, hatte aber viele Fans – wie Iggy Pop. Die neue Platte von Meghan Remy "In A Poem Unlimited" vertont den Zeitgeist von #metoo, time's up und stellt doch die Musik nicht hinter den Inhalt.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 12.02.2018

Was ist eine "unsichere Frau"? Eine Frau, die leise spricht, die ruhig ist, die beim Reden auf ihre Füße schaut? Ein "Mäuschen"? Es gibt jede Menge unsichere Frauen – aber in einem anderen Sinne: Frauen, die nicht sicher sind. Weil sie in einer Gesellschaft leben, die nicht sicher für Frauen ist. Findet Meghan Remy, die Frau hinter dem Projekt U.S. Girls. Immerhin betasten gleich zwei ihrer Vorabsingles zum Album "U.S. Girls in a Poem Unlimited" dieses Thema. Eine davon ist der Opener der Platte:

Auf "Velvet 4 Sale" sind immer wieder Atmer zu hören – wie direkt in unseren Nacken gehaucht. "Instill in them the fear that comes with being the prey" – "impfe ihnen die Angst ein, die damit einhergeht, Beute zu sein". Im Video zu diesem Song geht Megan Remy auf die Pirsch – sie ist einem gewalttätigen Mann auf den Versen, der Frauen physisch bedroht. Und sie setzt ihm ordentlich zu, lässt ihn spüren, wie das ist, ein Opfer zu sein. Er fühlt den dunklen Schatten, mehrmals checkt er im Rückspiegel, wer ihn da verfolgt und ihm auflauert.

Geschichten statt Parolen

Ursprünglich kommt Meghan Remy vom Noise, wollte Lärm machen, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Mit jedem Album wurde die Musik der Amerikanerin verdaulicher, das Songwriting immer wichtiger. Wo sie früher Sätze wie Parolen immer und immer wieder wiederholt hätte, erzählt sie heute Geschichten zu Ende und arbeitet seit ihrem letzten Album auch mit Skits. U.S. Girls muss nicht mehr laut schreien, um auf sich aufmerksam zu machen, sie kann sich Zeit nehmen. Und das tut sie. Die meisten Songs auf "In A Poem Unlimited" sind doppelbödig. "M.A.D." ("Mad As Hell") könnte ein Abgesang auf den Verflossenen sein.

Erst durch das Video, in dem Meghan Remy eine Tageszeitung voller Kriegsnachrichten liest und mehrere US-Präsidenten an ihr vorbeiziehen, wird klar: Hier geht es nicht um ihren Ex-Freund – es geht um ihre Ex-Präsidenten, die Versprechen machen und dann doch nicht einlösen. Und wieso auch nicht? Die Beziehung einer jungen Frau zu ihrem Präsidenten sollte im amerikanischen Alltag nicht unwichtiger sein als die zu ihrem Vater oder Freund, oder?

Zuhören statt schreien

Ist die neue Musik von U.S. Girls zu zart und zu eingängig für ihre radikalen Gedanken? Nein. Im Gegenteil. Eine große Errungenschaft von #metoo ist das Gefühl, dass hoffentlich Jede und Jeder ihre und seine Geschichte erzählen kann und dass zugehört wird. Im besten Fall braucht 2018 keine Schreie und Parolen mehr, im besten Fall sind wir alle schon viel weiter und müssen all unsere Energie darauf verwenden, uns weiterhin zuzuhören. Wir brauchen Kommunikation, die so gelungen ist, dass unser Interesse aneinander nicht nachlässt. Es wird eine unglaubliche Herausforderung, all die Verunsicherung und Wut und Angst allgemeinverständlich zu artikulieren, ohne sie abzuschwächen. Und für diese Zeit brauchen wir Stimmen und Autoren, die das leisten. Meghan Remy gehört dazu.


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