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Album der Woche: "IGOR" Tyler, The Creator ist auf der Suche nach Liebe - und der eigenen Sexualität

"Don’t go into this expecting a rap album" warnt Tyler, The Creator. Okay. Machen wir nicht. Und tatsächlich ist "IGOR" kein klassisches Rap-Album. Es ist viel, viel mehr!

Von: Angie Portmann

Stand: 20.05.2019

Spätestens seit "Flower Boy", dem Neo-Soul-Album aus dem Jahr 2017, wissen wir: Tyler Okonma ist nicht nur Rapper, sondern auch ein Soul-Aficionado. Seine großen Vorbilder heißen Isaac Hayes und Barry White. Ein Multitalent, das sich niemals festlegen will. Ein Allrounder, der Drehbücher schreibt und Soundtracks komponiert, ein Modelabel hat und dazu auch noch Apps entwickelt. Ein als homophober Rapper verschriener Typ, dem man in England und Australien nicht auftreten lassen will, aber dem wir seit "Flower Boy" sogar einen Boyfriend zutrauen. 

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SEE YOU AGAIN featuring Kali Uchis | Bild: Tyler, The Creator (via YouTube)

SEE YOU AGAIN featuring Kali Uchis

"Flower Boy" war soulful durch und durch, mit Klavier, Streichern und einer unglaublichen Smoothness. Jetzt kommt "Igor". Das neue Album knüpft daran an, ist soundtechnisch aber wieder eher rough. Erinnerungen an das irre, ultra-toughe "Cherry Bomb" aus dem Jahr 2015 werden wach. Schon der Opener macht klar, mit "IGOR" ist nicht gut Kirschen essen.

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IGOR'S THEME | Bild: Tyler, The Creator (via YouTube)

IGOR'S THEME

Wie cool ist Liebe?

Ein dunkler Synthie-Drone gibt die Stimmung vor - suspense. Das funky Schlagzeug bleibt davon ungerührt. Der slicke Groove ist bei Tyler immer ein positiver, an Pharrell Williams geschulter - überhaupt Pharrell Williams. Für Tyler, The Creator war Williams’ Band N.E.R.D. die beste Band der Welt und DER Einfluss schlechthin. Auf "IGOR" hört man das mehr denn je. Es geht jetzt um Gefühle! In "Earfquake" ist Tyler, The Creator, der coole Hund, verliebt. Aber egal wie emotional es wird, die Bässe zerren, selbst bei "Running Out Of Time", einem der ruhigsten Songs, mit der Aufforderung "Take your mask off ... stop lying to yourself". Ist Tyler, The Creator auf der Suche nach der eigenen Sexualität?

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EARFQUAKE | Bild: Tyler, The Creator (via YouTube)

EARFQUAKE

Pop-Zitate über Pop-Zitate

Im Video zu “Earfquake“ trägt der 28jährige eine platinblonde Topf-Perücke und eine dunkle Sonnenbrille, zitiert quasi Andy Warhol, die Mutter aller Pop-Art. Aber auch seine Feature-Gäste hat der Meister der Verwirrung digital verkleidet. Egal ob Santigold, Asap Rocky oder Kanye West, Playboy Carti, Solange oder Slowthai: die Stimmen auf "IGOR" sind teilweise derart manipuliert, dass man sie oft kaum voneinander unterscheiden kann. Singen da Menschen oder ist das schon eine KI?

Das wütende "What’s good" bringt endgültig den Wendepunkt. Die Liebe kippt, aus "IGOR" wird ein Trennungsalbum. Aber was für eins. Die letzten drei Songs grooven herrlich entspannt dahin. Zum Schluss eine schon fast Prince-hafte Ballade, mit der Frage aller Fragen am Ende einer Beziehung "Are we still friends?". Wenn du so weiter machst Tyler, bleiben wir deine Freunde bis ans Ende unserer Tage. Word!


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