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Album der Woche: "Junkies und Scientologen" Thees Uhlmanns neues Album ist eine Liebeserklärung an das Leben - auch in der Verzweiflung

"Junkies und Scientologen" ist eine furiose Reise durch unsere Gegenwart, mit hunderten von Zitaten, Querverweisen, kleinen Hints und Erwähnungen. Ein bisschen Tomte, ein bisschen Popunk, ein bisschen Springsteen. Vor allem aber - typisch Thees Uhlmann.

Von: Achim Bogdahn

Stand: 09.09.2019

Für mich ist er einfach der Größte. Ich meine das so, wie ich es sage. Ich bin objektiv, ich bin mit ihm befreundet. Thees Uhlmann ist endlich zurück und wir haben ihn sehr vermisst. Die deutschsprachige Popszene ist mittlerweile gekapert und geknechtet von all den Max Giesingers und Wincent Weisses, für die „gemeinsam Barfuß durch die Stadt laufen“ schon die Top-Metapher für wildes Leben und Verrücktsein ist. Da hat einer wie Uhlmann gefehlt, einer, der wirklich Bilder erzeugen kann.

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Thees Uhlmann - Fünf Jahre nicht gesungen (Offizielles Video) | Bild: Thees Uhlmann (via YouTube)

Thees Uhlmann - Fünf Jahre nicht gesungen (Offizielles Video)

Seit seinem letzten Album 2013 ist viel passiert. Die AfD wurde in dem Jahr gegründet, Obama war noch Präsident und Greta Thunberg damals erst 10 Jahre, Hip Hop ist jetzt noch größer als damals. Es hat sich vieles angesammelt und über all das singt Thees Uhlmann auf seinem neuen Album, denn er trägt auch viel Wut in sich. Über eine Welt voller Populisten und Rassisten, ein ZITAT „Dreieck“ der Schande- wie er es in einem Interview nannte, gemeint ist Trump, AfD und der Brexit. Und die Wut, die kommt immer wieder. Wenn zum Beispiel Kollege Grönemeyer einen Shitstorm kassiert, weil er sich gegen die AfD positioniert.

Uhlmann hat Wut auf das "Dreieck der Schande" - Trump, AfD und der Brexit

Und die Wut, die kommt immer wieder. Wenn zum Beispiel Kollege Grönemeyer einen Shitstorm kassiert, weil er sich gegen die AfD positioniert: „Herbert Grönemeyer hat schon oft bewiesen, was er für ein großer Typ, was er für ein großer Künstler ist. Eigentlich ist es mir zu dumm, darauf zu antworten. Manchen Leuten sollte das Internet weggenommen werden. Dr. Angela Merkel sagte mal: „Das Internet ist für alle Neuland“. Und ich glaube sie hat einfach recht. Die Leute sind durch das Internet so beflügelt, allen möglichen Scheiß zu schreiben. Ich glaube, dass die Zeit für Kunst ganz gut ist."

In zwei Songs ist von Demonstrationen die Rede, von Gummiknüppeln, von brennenden Barrikaden. Aber Thees Uhlmann hält dagegen und singt über den afroamerikanischen Bürgerrechtler und Pazifisten Martin Luther King als radikales Gegenmodell: "Ich hab mir im letzten Jahr die „Free At Last“ - Rede sehr, sehr häufig angehört. Und singe dann in 'Menschen ohne Angst wissen nicht, wie man singt' zum Schluss 'Stell dir nur mal vor, man hört sie alle singen: Free at last von Martin Luther King'. Mir ist aufgefallen, was das für eine unfassbar große Rede ist. Aber auch ziemlich simpel, das können auch ziemlich junge Menschen verstehen. Und ich hatte die Idee oder die Vision, dass alle Schüler, wenn sie in die 7. Klasse kommen, diese Rede gemeinsam hören. Alle. Diese Rede ist große Kunst. Und Kunst ist zur Zeit eine gute Sache."

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Thees Uhlmann - Junkies und Scientologen (Official Lyric Video) | Bild: Thees Uhlmann (via YouTube)

Thees Uhlmann - Junkies und Scientologen (Official Lyric Video)

„Junkies und Scientologen“ ist trotz all der Wut eine Liebeserklärung an das Leben auch in der Verzweiflung, Thees Uhlmann sucht und findet die Rettung in der Musik. Es ist eine furiose Reise durch unsere Gegenwart, mit hunderten von Zitaten, Querverweisen, kleinen Hints und Erwähnungen. Beispiel: Sein Hannover Lied. Selbst dem Synonym einer faden Stadt entlockt Thees Uhlmann ganz viele Assoziationen. Die Kerze im „Wind Of Change“, Landesväter, die im Niedersachsen-Stadion singen, da ist man Kind-mäßig ganz Ohr. Er sagt dazu: „Ich besinge ja schon länger gerne Städte: New York auf einer Tomte Platte, Köln auf ner Tomte-Single. Eine Stadt ist eine gute Leinwand, die man bemalen kann. Über Berlin kann jeder singen, Arcade Fire findet auch jeder geil. Aber ich hab zur Zeit Bock auf abgedrehte Dinge. Ich bin so Hannover und Avicii-mäßig drauf. Der eigentliche Knackpunkt war, als ich mit meiner Tocher „Stranger Things“, 2. Staffel angefangen habe. Da kommt so ein Trans-Am oder ein Camaro um die Ecke– und da laufen dann die Scorpions im Auto. In der angesagtesten Serie der Welt. Ich hab mir da gedacht: „Mensch, du, die Scorpions, die sind immer noch am Start“. Das hat mein Gehirn in Wallung versetzt, so ist dann der Hannover-Song entstanden“.

Gute Mischung aus Tomte, Popunk, Springsteen und Vollgas-Sound

Thees Uhlmann- der Oasis-Ultra, Turbojugend-Mann, Ex-Tocotronic-Roadie, St. Pauli-Rowdie ist ein Lexikon, ein Almanach der Pop-Welt. Und so wundert es nicht mal, dass er auf dem Album dem letztes Jahr verstorbenen schwedischen Star-DJ Avicii ein Lied widmet. Oder dass er sich im Song "Katy Perry" die US-Mainstream-Popsängerin Katy Perry auf sein Hamburger Indie Plattenlabel Grand Hotel Van Cleef, kurz GhVC wünscht: "Der Song ist darin begründet, dass ich in letzter Zeit häufig über Kunst nachdenke und hoffe, dass alle Künstlerinnen und Künstler irgendwie miteinander vereint sind. Ich glaub zum Beispiel, wenn man Bob Dylan mal ins MRT schickt, wenn der Musik macht und wenn man eine 21-jährige von der Kunsthochschule Augsburg ins MRT schickt während sie gerade ihre Bilder macht, dass genau die gleichen Sachen im Hirn aufflackern. Das find ich irgendwie schön und deswegen kann ich mir auch jederzeit vorstellen, dass Katy Perry bei uns eine Platte macht. Im Endeffekt machen wir alle irgendwas mit Kunst."

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Thees Uhlmann - Avicii (Offizielles Video) | Bild: Thees Uhlmann (via YouTube)

Thees Uhlmann - Avicii (Offizielles Video)

Musikalisch ist das Album typisch Thees Uhlmann. Gute alte Tomte Schule, ein bisschen schlauer Poppunk a la Weakerthans, ein bisschen Springsteen, ein bisschen Vollgas-Sound a la Gaslight Anthem. Hymnisch und kontrastiert durch Thees Gesang, der nie irgendeinen Casting-Preis gewinnen wird und will, aber eben zu 100 Prozent echt ist oder –wie man heute so sagt- authentisch. Man nimmt ihm jede Zeile ab. Und am Ende sind es sowieso diese originellen, empathischen Texte, die wir so oft hören werden, bis wir sie beim nächsten Konzert auswendig mitgrölen können. Und jetzt alle!


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