Bayern 2 - Zündfunk


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"Vertigo Days" The Notwist schaffen nach sieben Jahren Pause eine Ode an die Offenheit

Bayerns weltbekannte Band meldet sich zurück. Nach sieben Jahren Pause haben die Weilheimer ein neues Album fertig. Zum ersten Mal mit Gast-Stimmen und nicht-englischen Lyrics. Für die Gebrüder Acher ein bewusstes Zeichen für mehr Offenheit.

Von: Ralf Summer

Stand: 25.01.2021

Mit diesen Worten eröffnet Markus Acher die neue Notwist-Platte: "Jetzt, da du weißt, dass die Sterne nicht fix sind, sind auch die Strassen nicht mehr gerade", singt er auf "Into Love / Stars". Das Lied bildet eine Klammer mit dem Schlussstück "Into Love Again". Und weil zwei besser halten als eine, gibt es mit "Al Norte" und "Al Sud" eine zweite Klammer zwischen Anfang und Ende der Platte. Kann halt nicht schaden in Tagen des Taumels und Schwindels: Vertigo Days, wie der Titel schon sagt.

Ein Album, das die Welt hereinlässt

In "Where You Find Me" singt Markus von einer Geschichte, die auch vom Anfang zum Ende und wieder zurückspringt. Und dann läuft gleich schick der Beat weiter, wie bei einem DJ-Mix. Der Anfang vom Ende. Ein Ende mit neuem Aufbruch. Es folgt "Ship", das Lied mit Saya, Sängerin des befreundeten japanischen Duos Tenniscoats. Es handelt davon, wie am Anfang des ersten Lockdowns ein Schiff in Japan nicht mehr anlegen durfte, nachdem Corona ausgebrochen war.

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The Notwist: Ship (feat. Saya of Tenniscoats) | Bild: morrmusic (via YouTube)

The Notwist: Ship (feat. Saya of Tenniscoats)

Die Songs sind multilingual. Es gibt auf der neuen Notwist Titel in Englisch, Japanisch, Spanisch und auf Französisch. "Die politische Großwetterlage hat es notwendig gemacht, die Welt hereinzulassen", sagt uns Markus Acher im Zündfunk-Interview. Diese ganze Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus, die sich in Bayern, in Deutschland und international breitgemacht haben, hätten sie extrem geärgert. Acher sagt: "Das finden wir ganz schrecklich und hat sowohl zur Alien Disko (Anmerkung: dem Notwist-Festival in den Münchner Kammerspielen), als auch zur Platte beigetragen. Und führte uns zum Gegenteil: es offen gestalten. Nicht zumachen, sondern aufmachen."

The Notwist für BlackLivesMatter

Auf "Into The Ice Age" ist eine weitere Gastmusikerin zu hören: Angel Bat Dawid, die US-amerikanische Jazzerin. Sie wirkte erst an einem BR-Hörspiel von Andreas Ammer und The Notwist mit, spielte dann noch Klarinette fürs neue Album der Band. Angel ist nicht die einzige Jazzerin. Auch Ben LaMar Gay ist mit an Bord, auch er kommt vom angesagten Label „International Anthem“ aus Chicago: Ben LaMar Gay schrieb mit "Oh Sweet Fire" einen Song zum Thema #BlackLivesMatter.

"Da geht es um die Demonstrationen. Ben hat das in eine Liebesgeschichte eingebettet, er nimmt mit seiner Freundin an den Demos teil", sagt Markus Acher. Das habe die Band sehr berührt, weil das Thema sie auch während der Aufnahmen aufgewühlt und beschäftigt hat. Und jetzt findet es auch auf der Platte statt.

"Vertigo Days" ist wärmer als seine Vorgänger

Auch die Tonalität, die Soundästhetik hat sich verändert. Beim Instrumental "Ghost" schiebt sich ihre neu entdeckte Liebe zu den sogenannten Motorik-Beats des Krautrock durch. Michael Acher erzählt: "Wir haben am Schluss im Studio lange Sessions gemacht, wo man ganz lange Krautrock-mäßige Beats spielt, die sich immer wieder wiederholen und das Ganze lange durchgeht." Es sei wichtig gewesen, dass es Lo-Fi-mässiger und wärmer klingt. Das war die Klang-Ästhetik, die The Notwist haben wollten. Nicht kühl und High-End-mässig. "Weil die letzte Platte kühl klingt, wenn wir sie uns nun anhören. Das wollten wir anders machen."

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The Notwist: Al Sur (feat. Juana Molina) | Bild: morrmusic (via YouTube)

The Notwist: Al Sur (feat. Juana Molina)

Es ist schon erstaunlich, wie sehr Notwist auch nach 30 Jahren noch auf dem Sprung sind, immer was Neues wagen. Und dabei nun sogar so weit gehen, auf manchen Stücken einen ihrer Signature Sounds zu killen: Markus Achers Gesang! Notwist haben in den 80ern als Schülerband angefangen – mit einem Mix aus Neil Young und Dinosaur Jr. Plus Hardcore & Metal. Vor 20 Jahren haben sie Elektronik integriert und mit Neon Golden einen Klassiker ersonnen. Auf ihren letzten Platten werden sie wieder rauer, ungeschliffener. Jazz, das Mutterschiff, ist gelandet – trotzdem bleibt die in zahlreichen Nebenprojekten sich austobende Band nach allen Seiten offen. Das Schlusslied wird gar von einer japanischen Blaskapelle gespielt. Zuhause ist überall.

The Notwist sind bayerische Legenden geworden

Auf unserer Rundfahrt zu den Wurzeln der Band erzählte Markus Acher, dass ihn als Kind der Direktor der Weilheimer Musikschule nicht haben wollte: er sei "nicht musikalisch genug". The Notwist ist die Geschichte, dass man es trotzdem macht. Notfalls allein. Wie damals eine ganze Generation von DIY-Freaks zwischen Weilheim und Landsberg. Die Acher-Brüder sind ein Glücksfall für die Musikszene. Mit einem Horizont, den man sonst meist vergeblich sucht. The Notwist laufen dem Zeitgeist nicht hinterher, sie prägen ihn mit. Und sind längst zu einem Exportschlager geworden: von Weilheim bis Berghain!


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