Bayern 2 - Zündfunk

„Kingmaker“ Tami Neilson sagt dem Patriarchat den Kampf an - ausgerechnet im Country

Das Genre Country ist nicht unbedingt als Hort des Fortschritts bekannt. Eher sehnt man sich dort nach der „guten alten Zeit“. Tami Neilson mag musikalisch an Dolly Parton und Patsy Cline erinnern, inhaltlich geht es ihr um feministische Themen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 18.07.2022

Die Musikerin Tami Neilson | Bild: Mrs. Jones / a.s.s. Concerts

Tami Neilson lebt seit 15 Jahren in Neuseeland - und genau so lange dauert auch die Solo-Karriere der Mittvierzigerin. Aber Musik gemacht hat sie schon als Kind, in den USA und in Kanada, wo sie geboren wurde. Im Song „King of Country Music“ erzählt sie davon, dass sie als Zehnjährige im Vorprogramm von Country-Legende Kitty Wells aufgetreten ist.

Tatsächlich war Tami Neilson Teil der Familien-Country-Band „The Neilsons“, die in ganz Nordamerika unterwegs war. Bandleader war ihr Vater Ron Neilson, der 2015 verstarb. Ihm hat sie einen Song ihres neuen Albums gewidmet: „Beyond The Stars“ heißt er und sagt: „Wir sehen uns wieder, jenseits der Sterne“ - als Gast ist hier Outlaw-Country-Legende Willie Nelson zu hören.

Dolly Parton und Patsy Cline lassen grüßen

Dieser mexikanisch anmutende Walzer ist typisch für den Sound des achten Tami-Neilson-Solo-Albums. Sie macht Country Music der alten Schule. Mit dem aktuellen Nashville-Sound hat das nichts zu tun. Stattdessen erinnert sie eher an Dolly Parton und vor allem - auch ein wenig von der Stimme her - an Patsy Cline, die elegante Königin Nashvilles der späten 50er und frühen 60er Jahre. Deren Markenzeichen waren von Streichern getragene Balladen.

Aber mögen auch viele Songs hier unverhohlen retro klingen, so sprechen Tami Neilsons Texte eine andere Sprache. Denn „Kingmaker“ ist ein feministisches Konzeptalbum. Tami Neilson hat einiges zu sagen zum weiblichen Selbstverständnis im 21. Jahrhundert. In „Careless Woman“ etwa beschreibt sie eine Frau, die sich eben keine Vorschriften machen lässt, sondern tut, was ihr gefällt: Hier schlüpft die Sängerin in die Rolle eines Kindes, das sagt: „So will ich sein, wenn ich groß bin“.

Feministisches Konzeptalbum

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Tami Neilson "CARELESS WOMAN" Official Music Video | Bild: Tami Neilson (via YouTube)

Tami Neilson "CARELESS WOMAN" Official Music Video

Zu dem Song gibt es auch ein Video, in dem die Sängerin und eine Reihe von anderen Frauen einem Aufreißer-Typen in einem Club zeigen, wo es in Zukunft langgeht. Auch der Song „Ain’t My Job“ ist unmissverständlich: „Essen kochen, dünner werden, Klappe halten - das ist alles nicht mein Job“, singt Tami Neilson und widerspricht damit ihrer Namensvetterin Tammy Wynette, die in den Sechzigern noch sang: „Stand By Your Man“.

Ausnahmeerscheinung

Klar, das meiste, was Tami Neilson hier singt, haben Frauen wie Madonna und Beyoncé schon viel früher mal so oder so ähnlich gesungen. Aber in der Countrymusik sind solche Positionen immer noch die Ausnahme. Im Gegenteil: Der konservative Backlash hat in den USA die Country-Szene als erste erwischt. Vielleicht gefällt es Tami Neilson im von einer Frau regierten Neuseeland deshalb einfach viel, viel besser.