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Album der Woche: "Oil of Every Pearl's Un-Insides" SOPHIE befreit mit ihrem neuen Album ihren Körper – und zeigt uns eine Zukunft ohne Geschlechter

SOPHIE arbeitet mit Stars wie Madonna und könnte deren ehemals provokanten Pop revolutionieren. Denn SOPHIE ist weder Mann noch Frau. Auf "Oil of Every Pearl`s Un-Insides" finden sich viele gesellschaftliche Diskussionen.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 25.06.2018

Selbst im übersexualisierten Pop haben wir schon lange nicht mehr so gespannt auf ein Musikvideo gewartet wie auf SOPHIES "It's Okay To Cry". Werden wir sie bekommen, die freie Sicht auf ihre/seine Brust? Suggestiv performt SOPHIE in kleinen Bewegungen direkt vor uns auf dem Bildschirm – der Oberkörper ist nackt. Nur können wir beim besten Willen nicht erkennen: Ist SOPHIE eine Frau? Oder ein Mann? Ein einziges Symbol würde uns aus der Misere der Uneindeutigkeit befreien. Nur geben die dann doch gezeigten Brustzwarzen wenig Aufklärung, weil auch sie eindeutig uneindeutig sind. Gut so!

SOPHIE hat es auch mit hen* ("hen" ist ein geschlechtsneutrales Pronomen) neuen Album "Oil of Every Pearl's Un-Insides" wieder einmal geschafft. Seit Jahren ist offen, welches Geschlecht SOPHIE hat. Auch wenn immer wieder das Wort "Transfrau" fällt – alles was hen sein will, wäre genau oder ungenau: eben SOPHIE sein! Aber Vorsicht. Dass SOPHIE sich auf kein Geschlecht festlegt, heißt nicht, dass SOPHIEs Album frei von Sex wäre. Das zeigt schon der zweite Track "Ponyboy", in dem es ordentlich-unordentlich zur Sache geht.

Früher war SOPHIE noch rätselhafter. Auf den Covers der Singles waren eigentlich nur Plastik-Objekte, künstliche Gebilde mit Nass-Effekt, wie glitschiger luxuriöser Nippes. Und dass nun auch SOPHIEs Stimme zu hören ist, ist neu. Denn die meisten Songs hat SOPHIE von anderen singen lassen. Macht keinen Unterschied, meint SOPHIE. Der Anspruch an authentische Musik sei sowieso völlig verquer. Was soll das überhaupt bedeuten: authentisch sein? Und was hätten wir denn von dieser Authentizität? Gewissheiten erschüttern. Infrage stellen, was und worüber wir uns sicher sind. Im Song "Faceshopping", wird das Gesicht eines Menschen zur Ladenfront erklärt. Die Auslage muss ja immer möglichst gut aussehen – sonst gehen wir in den Laden erst gar nicht rein. Genauso ist das Gesicht das erste, was wir von einer Person sehen. Es soll einladend sein. Und wird bearbeitet – mit Photoshop oder Schönheits-OPs.

Gewissheiten erschüttern und infrage stellen

Wie sich SOPHIE inhaltlich an Themen abarbeitet, kann man hen Musik gut anhören. Es knarzt und scheppert, überall entsteht Reibung. Manche Parts hören sich an, als würden Gedanken gerade mechanisch an einem Fließband zusammenmontiert. Metallische Gegenstände schlagen aufeinander ein, Laser zischen. Und dann, typisch SOPHIE, wieder extreme Brüche, wird es plötzlich Barbie-blond kitschig.

Trotzdem: SOPHIE predigt nicht, schreibt uns nichts vor. SOPHIE weiß, dass unsere Bemühungen, uns selbst zu formen, machen unsere Freiheit aus. Egal, ob das nun ein Lippenstift ist oder ein Schnauzbart oder das Madonna-Zitat. Aus der Zeile "I am a material girl" wird ein Wortspiel und der definitiv eingängigste Song des Albums "Immaterial" - unkörperlich oder aber auch unwesentlich. SOPHIE fragt darin: "Ohne meine Beine, ohne meine Haare, ohne mein Blut, ohne meine Gene, ohne Namen und ohne Geschichte: Wo lebe ich dann, wo existiere ich?" Und der Refrain zeigt, wo SOPHIE damit hin möchte – "Ich könnte alles sein, was ich will, irgendwie, überall, an jedem Ort, jede Person, die ich sein will."

Die Befreiung von unserem Körper

SOPHIE fordert eine Unkörperlichkeit ein, eine Befreiung, die uns allen helfen könnte. Das ist allerdings auch verwirrend. Besonders im Jahr 2018, in dem die meisten für uns noch härter für Toleranz und Gleichheit kämpfen müssen. Aber unsere Werkzeuge nicht immer passen: Denn nach wie vor unterschieden wir nach binären Kriterien: Wie hoch ist der Anteil der Frauen in der Musikindustrie? Sogar wenn wir es gut meinen, greifen wir zurück auf alte Schemata, auf Mann vs. Frau, Hetero-Homo, Schwarz-weiß. Wir sind noch nicht so weit wie SOPHIE. SOPHIE schreitet kompromisslos voran, hebt Stärke in kindlich-verspielten Songs genauso hervor wie Schwäche in brachial hämmernden, verzerrten Bass-Gesängen. Und so schließt SOPHIEs Album "Oil of Every Pearl`s Un-Insides" mit dem Song "Whole New World/Pretend World". Ob wir tatsächlich bald in einer ganz neuen Welt leben, das liegt an uns. SOPHIE hat uns die Richtung schon längst vorgegeben.

*"hen" ist ein geschlechtsneutrales Pronomen, das weder männlich, noch weiblich, noch sächlich ist. In diesem Text wird es in der Hoffnung verwendet, dem Selbstverständnis von SOPHIE möglichst nahe zu kommen. Dazu braucht es manchmal eben neue Worte.


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