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„TYRON“ Warum Slowthai draufgängerischer Macho-Punk und verlorener Junge zugleich ist

Tyron Kaymone Frampton ist besser bekannt unter seinem Künstlernamen Slowthai. Nach hat „Nothing Great About Britain“ hat er sein zweites Album draußen mit dem Titel „TYRON“ - und es ist erneut ein sozialkritisches Brett.

Von: Amy Zayed

Stand: 15.02.2021

Der britische Rapper Slowthai | Bild: picture alliance / Photoshot

Normalerweise kommen die Texte von Tyron Kaymone Frampton alias Slowthai genauso rüber! Aggressiv, geradeheraus, mit messerscharfer Kritik, aber manchmal auch mit ein bisschen zu viel Macho-Gehabe und übertrieben zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein. Doch dieses Album ist etwas anders. Es ist zweigeteilt. Die ersten sieben Titel sind alle in Großbuchstaben geschrieben, und sind die typischen Slowthai-Songs. Die anderen 7 Titel auf dem Album sind alle kleingeschrieben und klingen ganz anders. Gefühlvoll, melodisch, fast gedankenverloren. Fast wie ein kleiner Junge auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.

Slowthai offenbart mehr Gefühle

„Als ich angefangen habe, wollte ich das Album gar nicht in zwei Seiten aufteilen“, erzählt Slowthai. Aber mit diesen zwei Seiten könne der 26-Jährige etwas demonstrieren: „Dass jeder von uns eine Seite hat, die er gern zeigt, und eine Andere, die er eigentlich lieber verheimlicht.“ In der Zeit, in der wir gerade leben, sei es wichtig, transparent zu sein. Deshalb wollte der Rapper den Menschen da draußen zeigen, dass sie nicht allein sind mit ihren Gefühlen. Denn was wäre er für ein Künstler, wenn er nicht in der Lage wäre, meine Gefühle zu teilen? So zu tun, als wäre alles positiv und es ginge einem nie schlecht - das sei Slowthai zu Folge einfach nicht ehrlich.

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slowthai - nhs | Bild: slowthaiVEVO (via YouTube)

slowthai - nhs

Ein Softie ist Slowthai trotzdem nicht geworden. Auch die langsamen Songs gehen immer wieder auf Angriff. Sind hochpolitisch. Der Brexit ist Thema - und wie er der englischen Gesellschaft weiter zusetzen wird. Der Song „nhs“ nimmt das britische Gesundheitssystem auseinander. Das ist zwar für alle Briten umsonst, befindet sich aber in einem miserablen Zustand. „Ich habe den Song geschrieben, weil die Krankenpfleger*Innen überhaupt nicht geschätzt werden“, sagt Slowthai. Die würden sich den Arsch abarbeiten und Leben retten, dabei aber nicht mal einen Hauch von dem verdienen, was Politiker kassieren. Und die wiederum würden nichts machen, außer alles nur zu verschlimmern. Die Inspiration für den Song zog Slowthai dann aus dem Moment, als die Menschen anfingen, für den Pflegebereich zu applaudieren. Sein Fazit „Jeder tut so, als ob er was verändern will. Aber alles, was wir machen, ist, irgendwas im Netz zu posten, oder vor unserer Haustür zu klatschen!“

Slowthais Wut auf die Gesellschaft

Seine Kindheit verbrachte Slowthai bei seiner alleinerziehenden Mutter in Northampton, einer mittelgroßen Englischen Stadt. Sie ist Halb-Irin, halb aus Barbados, der Rapper wuchs in einer Sozialbausiedlung mit seiner kleinen Schwester auf. Sein kleiner Bruder Michael starb mit nur einem Jahr an einer Muskelerkrankung. Das alles hat Slowthai geprägt. Einerseits hatte er gelernt, Gefühle zu verdrängen. Andererseits schrie er mithilfe der Musik seine Wut auf die Gesellschaft in die Welt. Oft in dem im Grime und Hip-Hop typischen Macho-Stil.

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slowthai, Skepta - CANCELLED | Bild: slowthaiVEVO (via YouTube)

slowthai, Skepta - CANCELLED

Womit Slowthai immer wieder polarisiert hat - auch bei seinen Fans. Auf der einen Seite feierten sie ihn dafür, dass er bei den Mercury Awards 2019 mit einer Attrappe von Boris Johnsons Kopf auftauchte. Auf der anderen Seite erntete er auch scharfe Kritik, als er bei den NME Awards die Moderatorin Katherine Ryan mit sexistischen Sprüchen traktierte und später auch noch ein Glas nach einem Fan schmiss. Kurz darauf entschuldigte er sich dafür. Und Katherine Ryan hat ihm wohl auch verziehen.

„Ich will niemand sein, der einfach allen hinterherläuft“

Slowthai weiß, dass er aneckt. Aber wenigstens rege er die Leute zum Nachzudenken an, sagt er. „Ich will niemand sein, der einfach nur allen hinterherläuft und alles nachahmt! Yeah! Ich hüpf von der Brücke! Klingt Lustig! Super! Boris hat gesagt, wir sollten das machen! Muss dann wohl richtig sein! Nein, so werde ich nie sein!“ Die neue Slowthai-Platte will also vor allem eins: Es niemand recht machen. „TYRON“  ist intelligenter und gleichzeitig gut produzierter Londoner Grime. Wir hören darauf aber auch ein wenig Punk, ein wenig oldschool Hip-Hop, und, was Großbritannien im Jahr 2021 unbedingt braucht: exzellente sozialkritische Texte! Am Ende muss jeder für sich entscheiden, ob wir Slowthai nun für einen draufgängerischen Macho halten oder in ihm einen verlorenen Jungen sehen wollen. Am besten vielleicht Beides!


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