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"Skinty Fia" Die Fontaines D. C. fluchen wie eine irische Großmutter – und wir lieben es

Große Klappe, viel dahinter: Die irische Band Fontaines D. C. schimpft auf "Skinty Fia" über England, stellt Exfreundinnen und die katholische Kirche an den Pranger – und liefert eines der energetischsten Alben des Jahres.

Von: Marcel Anders

Stand: 25.04.2022

In der Pandemie ist die irische Band Fontaines D. C kollektiv nach London umgesiedelt. Eine Flucht vor dem Konservativismus, der Kirchenhörigkeit und der Enge ihrer Heimatinsel. „Durch die Pandemie und die ausgefallene Tour hatten wir das Gefühl, es wäre alles zum Stillstand gekommen“, erinnert sich Gitarrist Carlos O’Connell im Interview. „Wir saßen in Irland fest und es passierte nichts. Deshalb brauchten wir eine Veränderung, denn Dublin fühlte sich immer weniger wie unser Zuhause an.“ Ihre Lieblingsbar habe dichtgemacht und auch ihre besondere Beziehung zu der Stadt sei verschwunden.

Also gingen Carlos O’Connell und seine Bandkollegen ins Londoner Exil. Wie vor ihnen Sinéad O’Connor oder Van Morrison suchen auch die Fontaines D. C. ihr Glück in der Metropole, wo ihr Label und Management residieren. Doch damit fangen die Probleme eigentlich erst an: Die fünf Endzwanziger leiden schnell unter Heimweh, Liebeskummer, aber auch unter der britischen Mentalität. Der gemeine Engländer, so Gitarrist O’Connell, sei ebenso arrogant wie ignorant und halte Irland für einen Teil des Vereinigten Königreichs – zu dem neben England, Wales und Schottland lediglich Nordirland gehört.  

„Das ist eine Beleidigung – allein schon wegen dem, was uns England angetan hat“, sagt O’Connell. „Wir haben unsere Unabhängigkeit mit Blut bezahlt. Und die Tatsache, dass es Menschen gibt, die das nicht wissen, ist verrückt.“ Dieses Unwissen erklärt er sich damit, dass dies im Geschichtsunterricht nicht vermittelt werde, was für genau die Ignoranz sorge, mit der die Band sich nun rumärgere. Ein Ärger, der sich auch auf „Skinty Fia“ wiederfindet, dem neuen Album der Fontaines D. C..

„Skinty Fia“ heißt so viel wie „Fuck“

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Fontaines D.C. - Skinty Fia (Official Video) | Bild: Fontaines DC (via YouTube)

Fontaines D.C. - Skinty Fia (Official Video)

Doch nicht nur die neue Wahlheimat steht am Pranger, auch Exfreundinnen und Institutionen wie Politik oder Kirche werden auf dem neuen Album verbal abgestraft. Mit Songs, die irischen Volksvertretern Inkompetenz und Bereicherung vorwerfen – und klerikalen Würdenträgern Gewalt an Kindern. „Die Wurzel allen Übels ist Gier“, sagt O’Connell. „Gier macht sich die Verwundbarkeit der Menschen zunutze, sie packt uns an den Stellen, an denen wir am verletzlichsten sind.“

„Skinty Fia“ ist ein wütendes, kathartisches Album, mit dem die Fontaines D. C. kräftig Dampf ablassen. Deshalb auch der Titel „Skinty Fia“, der aus dem Gälischen stammt und wahlweise für einen Ur-Hirsch mit gigantischem Geweih steht – oder einen traditionellen Kraftausdruck: „Skinty Fia“ heißt so viel wie „die Verdammnis des Hirsches“ oder, kurz gesagt, „Fuck“.

„Das ist eine alte irische Formulierung, wie sie die Großmutter unseres Schlagzeugers verwendet hat“, erklärt O’Connell. „Wir fanden es umwerfend, welche Tiefe dieser Begriff hat; dass man in seiner Verzweiflung quasi alle Hirsche verflucht, die es nur gibt – und das nur, weil du dir vielleicht Bier übers Hemd gekippt hast.“ Das sei geradezu melodramatisch: „Die irische Sprache ist wunderbar.“

„Wir machen keinen Post-Punk“

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Fontaines D.C. - Jackie Down The Line (Official video) | Bild: Fontaines DC (via YouTube)

Fontaines D.C. - Jackie Down The Line (Official video)

Fluchen als Ausdruck von kultureller Identität. Ein origineller Ansatz, den Carlos O’Connell und seine Mitstreiter auch in der Musik verfolgen. Die zehn Stücke auf „Skinty Fia“ sind abwechslungsreich und ambitioniert. Ein Hybrid aus Noise-Rock, Electronica und Indie-Pop. Mal atmosphärisch, mal hymnisch, brachial oder folkloristisch. Da stehen die Pixies ebenso Pate wie Nirvana, Joy Division oder Death In Vegas. Aber, und das ist O’Connell wichtig, die Fontaines D. C. machen keinen Post-Punk. „Damit haben wir nichts zu tun“, sagt er.

Der Band ginge es nicht um einen speziellen Sound: „Wir mögen einfach Musik“, so der Gitarrist. Wie alle tollen Bands wollten sie experimentieren: „Wie Velvet Underground, die Rolling Stones, Beatles oder Beach Boys, die viele unterschiedliche Sachen gemacht haben, ist das auch unser Ziel.“ Musik als Medium erlaube ihnen dabei, zu machen, „wozu wir gerade Lust haben“.

Ein gesundes Selbst- und Sendungsbewusstsein – das können sie sich leisten: „Skinty Fia“ ist vielleicht nicht die Neuerfindung der Rockmusik, aber eines der energetischsten und frischsten Alben des Jahres. Oder wie O’Connell es formuliert: „Es ist ein Geschenk für die Welt – und für uns. Unsere Musik ist ein Geschenk für alle.“

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Fontaines D.C. - Roman Holiday (Official Lyric Video) | Bild: Fontaines DC (via YouTube)

Fontaines D.C. - Roman Holiday (Official Lyric Video)