Bayern 2 - Zündfunk


11

Album der Woche: „Remind Me Tomorrow“ Fenster auf, Gitarre raus - Synthies leiten ein neues Kapitel in Sharon Van Ettens Leben ein

Wer Sharon Van Etten bisher unter fragile Singer/Songwriterin abgespeichert hatte, wird sich umschauen! Die New Yorkerin ist zurück: Düster, elektronisch, entschieden. Ann-Kathrin Mittelstraß über die Neuerfindung der Sharon Van Etten.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 21.01.2019

Radio-DJs, Musikblogs und die Promo-Abteilung ihres Labels hätten es sich nicht passender wünschen können: Da kommt Sharon Van Etten nach vier Jahren Pause zurück und dann heißt die erste Single auch noch „Comeback Kid“. „Ich hab mir gedacht, der Titel ist gut, um die Aufmerksamkeit der Leute zu bekommen. Es ist ja wirklich einige Zeit vergangen. Und soundtechnisch wollte ich ein klares Statement setzen: Das hier wird etwas vollkommen anderes“, so die Sängerin.

Remind Me Tomorrow

„Remind Me Tomorrow“ heißt das neue Album - erinner‘ mich morgen nochmal dran, keinen Kopf jetzt. Der Albumtitel spielt schon darauf an: Sharon Van Etten hatte verdammt viel zu tun die letzten Jahren. Die 37-Jährige ist mittlerweile Mutter eines kleinen Sohnes, sie ist zurück an der Uni und studiert Psychologie, sie hat eine Rolle in der Netflix-Serie „The OA“ übernommen und ist in David Lynchs Serie „Twin Peaks“ aufgetreten. Die Prioritäten haben sich verschoben. Am auffälligsten ist das in ihrem Sound: Sie hat die Gitarre abgelegt.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Sharon Van Etten - Seventeen | Bild: SharonVanEttenVEVO (via YouTube)

Sharon Van Etten - Seventeen

Der Song „Jupiter 4“ ist nach einem Roland Synthesizer benannt. So einer stand in dem Studio, wo sie – das auch noch! - an einem Filmsoundtrack gearbeitet hat. Immer wenn sie nicht weiter kam und den Kopf frei kriegen wollte, hat sie die Gitarre weggelegt und mit dem Synthesizer rumgespielt. So ist eher zufällig ein Haufen Demos entstanden. Sie hatte Lust, in düstere elektronische Klanglandschaften einzutauchen, da wo sich auch Portishead und Suicide rumgetrieben haben – und vor allem Nick Cave mit seinem Album „Skeleton Tree“, das Sharon Van Etten als großen Einfluss nennt.

Stärker denn je

Sharon Van Ettens Stimme war auf dem letzten Album noch sehr viel nackter und zerbrechlicher, das emotionale Drama um eine ungesunde Liebe lag offen in ihren Texten. Auf dem neuen Album ist sie jetzt rundherum dick eingepackt von breiten, mitunter bedrohlich klingenden Synthies. Um sie rum brodelt und stampft es, und sie klingt stärker denn je. Verantwortlich für diesen auffallend atmosphärischen Sound des neuen Albums ist John Congleton. Er hat nicht nur St. Vincent zu ihrem Art-Rock verholfen, sondern etliche andere moderne und angesagte Bands produziert. Für Sharon Van Etten war die Zusammenarbeit mit Congleton eine völlig neue Erfahrung: „Ich habe schon mal mit einem Produzenten gearbeitet, der sehr viel auf die Atmosphäre in den Songs geachtet hat, mit Aaron Dessner von The National. Aber nun habe ich zum ersten Mal einem Produzenten meine Songs komplett überlassen. So konnte ich mich vollkommen auf meinen Gesang konzentrieren.“

Mit Sharon mitwachsen

Wie sehr sie ihre neue Rolle genießt hat man zuletzt bei ihrem Auftritt in der Late Night Show von Jimmy Kimmel gesehen: Von der ungeschminkten folksy Indie-Sharon, wie sie 2014 noch in München aufgetreten ist, war da nichts mehr zu sehen. Stattdessen hat da eine coole Frontfrau im roten Hosenanzug und mit rotem Lippenstift ein Fernsehstudio abgerissen!
Der Schlüsselsong auf dem neuen Album ist „Seventeen“: Eine Liebeserklärung an die Stadt New York, die sich genau wie sie verändert hat und die sie bald in Richtung L.A. verlassen wird, mit Freund und Kind. „Seventeen“ ist eine Liebeserklärung an sie selbst, an die 17-jährige Sharon, die ihren Weg gehen wird. Man hat so gerne mit ihr gelitten auf den letzten Alben, aber jetzt ist es wunderbar zu sehen, wie sie gewachsen ist. Der Sound ist düster, ja. Die Welt ist es zuweilen auch. Aber Sharon geht es hörbar gut.


11