Bayern 2 - Zündfunk

"Santa's Funk & Soul Christmas Party Vol. 4" Tramp Records bringen uns rare Weihnachts-Grooves - und zeigen Solidarität mit der Ukraine

Unerwartet erscheint beim Label Tramp Records eine vierte Weihnachts-Compilation: "Santa's Funk & Soul Christmas Party Vol. 4". Labelchef Tobias Kirmayer erzählt auch davon, wie sich die bayerische Subkulktur in der Ukraine-Hilfe engagiert hat.

Author: Bärbel Wossagk und Achim Bogdahn

Published at: 20-12-2022

Sharon Jones - Ain't No Chimneys in the Project (feat. Dap-Kings) [Audio] | Bild: Tramp Records (via YouTube)

Tobias Kirmayer ist der Labelchef von Tramp Records. Er sucht und sammelt guten Funk & Soul. Auf seinem Label erscheint bereits die vierte Weihnachts-Compilation, "Santa's Funk & Soul Christmas Party Vol. 4", unser Album der Woche.

Zündfunk: Wie funktioniert das eigentlich? Wie erreichst du all die vergessenen Funk- und Soul-MusikerInnen aus den 60ern und 70er? Du brauchst ja die Genehmigung für eine Wiederveröffentlichung.

Tobias Kirmayer: Es beginnt alles mit der Information, die auf dem Label der Single drauf ist. Die Musik, die ich überwiegend rausbringe, ist auf 7-Inch-Singles erschienen, den kleinen schwarzen Platten mit dem großen Loch. Warum? Das war damals für kleine Bands das einzig finanzierbare Medium, ihre Musik zu veröffentlichen. Für eine LP hat es ganz selten gereicht, meistens waren es Singles. Dann haben sie sich oft kein Studio leisten können, haben tatsächlich irgendwo Zuhause bei ihnen in der Garage oder Wohnzimmer aufgenommen. Das klingt dann oft auch so, nicht unbedignt qualitativ gut von der Produktion. Aber für mich hat das genau diesen Flair und Charme, den manche glattgebügelte Produktionen vermissen lassen.

Diese Bands fingen ganz simpel an und hofften natürlich, dass irgendwann große Radiosender oder Plattenlabel sie entdecken. Aber es ist immer nur die Spitze des Eisbergs, die das schafft, wie bei Schauspielern. Es kann keine zwei Millionen bekannte Schauspieler geben, es gibt immer diese 50, die man kennt, auch wenn Tausende weitere auch richtig gut sind.

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Santa's Funk & Soul Christmas Party (OFFICIAL PROMO VIDEO) | Bild: DiscoFantastique (via YouTube)

Santa's Funk & Soul Christmas Party (OFFICIAL PROMO VIDEO)

Es gab ja schon drei Santas Funk and Soul Christmas Partys, das ist jetzt die Nummer Vier. Nach der Dritten sagtest Du damals, es sei alles abgegrast und es würde nie wieder etwas geben. Nun aber doch.

Diese Compilation Reihe muss ich einem Spezl verdanken: Jan Kohlmeier, der ist auch Musikliebhaber und Plattensammler. Um 2009/2010 fragte er mich, ob ich Lust hätte, eine Weihnachts-Compilation zu machen. Ich war damals ein bisschen reserviert, wusste nicht, ob es für eine ganze Compilation reicht, aber wenn es da guten Soul und guten Funk gibt, bin ich offen. Hier und da hat es Christmas und Santa im Namen, aber es sind jetzt keine Novelty Songs, sondern einfach guter Soul. Da gab es tatsächlich noch etwas zu entdecken. Obwohl wir 2015, nach der dritten Compilation, dachten, wir sind jetzt an unsere Grenzen gestoßen. Aber wir wollen ja rare Grooves rausbringen, jenseits der Major Labels.

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Sharon Jones - Ain't No Chimneys in the Project (feat. Dap-Kings) [Audio] | Bild: Tramp Records (via YouTube)

Sharon Jones - Ain't No Chimneys in the Project (feat. Dap-Kings) [Audio]

Du hast wieder wirkliche Juwelen entdeckt. Zum Beispiel Sharon Jones and The Dap-Kings. “Ain’t No Chimneys In The Projects”, ein sozialkritischer Christmas Song.

Sharon Jones kennt man. Sie war die erste Künstlerin in der Compilation, die noch aktuell Musik gemacht hatte. Sie ist leider vor ein paar Jahren verstorben, aber Ende der Neunziger Jahre führte sie die Retro-Soulszene mit an. Durch Amy Winehouse und Mark Ronson hatte sie dann auch mit an Anerkennung und an Ansehen gewonnen.

Dann die Nummer „Hot And Sassy Christmas Strut“ – ein ziemlich lässiger 80er Funk.

Das ist eine Oldschool Hip-Hop Nummer von 1979/1980, also aus der Zeit von "Rapper’s Delight" mit der Sugarhill Gang. Die Anfangszeit des Hip-Hop war funky, weil noch Bands den Song gespielt haben, nicht produziert und gesampelt am PC.

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Hot & Sassy - Christmas Strutt [Audio] | Bild: Tramp Records (via YouTube)

Hot & Sassy - Christmas Strutt [Audio]

Es gibt noch eine andere Seite von Dir: die sozial engagierte Seite. Du warst viel für die Ukraine-Hilfe unterwegs. Ihr seid auch hingefahren mit Hilfsgütern. Wie hat die bayerische Subkultur, sozusagen vertreten durch Dich und deine Freunde, da mitgeholfen?

Der Anstoß kam von einem Mitarbeiter des Plattenpresswerks aus Landshut, wo ich Kunde bin. Der hat einfach eine Rundmail geschrieben, dass er einen Transporter organisiert hat, das war Anfang März. Da kamen viele Spenden von uns und von Privatleuten, Kleidung und Hygieneartikel. Wir haben dann auch extra Transporter mit Sitzgelegenheiten genommen, sodass man Leute mit zurück nehmen könnte. Anfang März kamen an der Grenze Minutentakt Busse, das war furchtbar anzuschauen. Da stiegen junge Mädels aus, Mütter, alte Leute mit ihren Katzen in den Jacken und ein, zwei Tüten in der Hand. Und man weiß, die kommen von ihrem Zuhause. Wir haben zum Glück Leute gefunden, die wir nach Deutschland mitnehmen konnten. Die hatten auch teilweise schon eine Adresse, zu der sie hin konnten.

Ihr habt eine Familie mitgenommen, zwei Kinder und eine Mutter aus Mariupol. Die habt ihr nach Grafing gebracht. Pflegt ihr noch Kontakt?

Wir waren da ein bisschen vorsichtig und überlassen es den Leuten, ob sie den Kontakt zu uns wollen. Sie haben unseren Kontakt. Mit einer Familie sind wir auch immer noch verbunden, aber wir wollen nicht aufdringlich sein.

Die Hilfsbereitschaft war am Anfang sehr groß. Es gab ganz konkrete Dinge, die man tun konnte: Autos vollpacken und Menschen herbringen. Wie siehst du das jetzt? Was kann man heute Sinnvolles tun?

Die haben jetzt Winter, wie wir auch. Mehr menschenverachtend als Putin kann man nicht sein. Im Krieg nur auf die Zivilisten und die zivile Infrastruktur zu gehen, da fehlen mir die Worte. Und natürlich kann man jetzt noch was machen: Banale Dinge spenden oder hinfahren, wie Dieselgeneratoren, Decken, oder Essen. Da wo gekämpft wird, haben sie fast nichts mehr. Da muss man Angst haben, dass die Leute verhungern.