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Album der Woche: "I'll Tell You What!" Dieser Typ hat das abgefahrene Genre Footwork erfunden

Chicago Footwork gilt als der neue, heiße Scheiß der Dancemusik - es ist ein Tanzstil, aber auch ein eigentümlicher Sound, eine Fortschreibung der House Music. Als Erfinder des Stils gilt Kavain Space alias RP Boo, der schon in den 90ern hektische Beats mit gewagten Vocal-Samples kombiniert hat.

Von: Roderich Fabian

Stand: 09.07.2018

Die Roland 808 Drum Machine kann man ohne weiteres als eines der wichtigsten Instrumente der Popmusik bezeichnen. Sie steht gleichrangig neben dem Klavier und der Gitarre, die ihr vorausgegangen waren. Die Roland 808 revolutioniert seit 1981 den Sound des Pop, weil sie sozusagen Unmögliches möglich machte, nämlich Beats, die von Menschenhand nicht zu spielen waren. House, Techno und Electro entstanden eigentlich nur dank Drumcoputern wie der 808 und ihrer leichten Verfügbarkeit.

Die legendäre Roland 808 Drum Machine

Die Stadt Chicago ist als Ursprungsort der House Music von erheblicher Bedeutung. DJs und Produzenten schufen mit der 808 und billigen Synthesizern hier einen Sound, der auch ohne teures Studio-Equipment herstellbar war. Sie machten aus der Not eine Tugend. Chicago Footwork setzt diese Tradition fort, als Weiterentwicklung, als Nebenstrang von House und Hip-Hop. Und RP Boo gilt als einer der Erfinder dieses Stils.

Ungerade Beats und ungeklärte Samples

RP Boo heißt eigentlich Kavain Space, kommt aus der afro-amerikanischen Community der Westside von Chicago und liefert sich im Track "U-Don't No" zum Beispiel ein Duett mit dem gesampelten Stevie Wonder. Space ist Anfang 40 und hat schon in den späten 90ern diese "ungeraden" Beats und ungeklärten Samples geliefert, die man inzwischen Footwork nennt. "I'll Tell You What" ist - streng genommen - das erste wirkliche, neu eingespielte RP-Boo-Album. Zuvor erschienen von ihm nur die in der Dance-Music üblichen Maxi-Singles, diverse Compilation-Beiträge und seit 2013 zwei Alben, die bereits vorhandene Tracks zu einer Collection zusammentrugen. Die beiden Vorgänger von "I'll Tell You What" sorgten aber dafür, dass RP Boo außerhalb Chicagos überhaupt wahrgenommen wurde. Dafür sorgte das Label "Planet Mu" aus England, das von Techno-Legende Mike Paradinas betrieben wird und das sich zuvor schon um Footwork verdient gemacht hatte.

"I'll Tell You What" enthält erstmals ausschließlich RP-Boo-Tracks, die er extra für dieses Album geschaffen hat. Die Musik funktioniert ähnlich wie bei anderen Footwork-Artisten, aber hier finden sich ungewöhnlich viele, gut verständliche Vocal-Samples. Das können berühmte Stimmen sein wie Gospel-Chöre, manchmal greift der Meister aber auch selbst zum Mikrophon. Man spürt die Absicht, das Album poppiger zu gestalten, also auch für diejenigen interessant zu machen, die sich dazu nicht unbedingt bewegen wollen.

Wer Footwork verstehen will, muss sich die Videos angucken

Allerdings macht das aus "I'll Tell You What" noch kein Pop-Album, es bleibt im Kern avantgardistische Dance Music. Wer RP Boo und Footwork wirklich verstehen will, muss sich die diversen Videos dazu ansehen, die auf YouTube zu finden sind. Die vielen neuen Moves, die die Tänzer aus Chicago erfunden haben, ergeben mit der Musik von Footwork-Meistern wie Jlin oder dem 2014 verstorbenen DJ Rashad erst den eigentlichen Sinn dieses Sounds. Aber die Platte heißt auch nicht umsonst "I'll Tell You What".

RP Boo sagt: "Auf der Straße sind wir im Krieg" und erinnert an Slogans der radikalen Black-Panther-Party, die in den Sixties den schwarzen Widerstand nicht mehr allein mit Gewaltlosigkeit zum Ausdruck bringen wollten. Aber Slogans wie diese sind hier die Ausnahme, es regiert der Aufstand durch den puren Sound, der sich jedem Anflug von Gefälligkeit widersetzt. Das Schlimmste, was der Szene passieren könnte, wäre ein Crossover in den Pop. Dieser Crossover wäre ohne Verrwässerung nicht zu machen - die alte Geschichte musikalischer Subkulturen. Aber RP Boo sorgt mit seiner Stilsicherheit dafür, dass Footwork bislang eine reine Lehre bleibt.


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