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Album der Woche: "Camouflé" Warum bei RAMZi fremde Klangwelten seltsam vertraut klingen

Die kanadische Produzentin Phoebé Guillemot schafft mit maximaler Verfremdung eine eigene Welt. Sie sampelt alles, was ihr gefällt und verwischt die Grenzen der kulturellen Aneignung.

Von: Niklas Münch

Stand: 17.12.2019

Kopfhörer auf, Albumstream an: Ein fremder Planet erscheint vor dem inneren Auge. Fluoreszenzen schwirren durch die Luft, giftgrüne Pflanzen ranken sich am Wegesrand. In der Ferne spielt eine Musik. Sie klingt fremd aber auch irgendwie vertraut. Der Bass zieht die Hörer*in immer weiter hinein, in einen warmen, vibrierenden Dschungel. 

Dieses Kopfkino stellt sich ein, wenn sich das neue Album von RAMZi auf dem Plattenteller dreht. Wobei RAMZis Musik von den meisten Hörer*innen per Stream gehört wird, anstatt von einem physischen Tonträger abgespielt. Das ist auch nur folgerichtig, denn RAMZis Alben sind ebenfalls größtenteils ein Produkt des Internets. Hinter dem Künstlernamen RAMZi steht die kanadische Produzentin Phoebé Guillemot. Ihr Album Camouflé ist mittlerweile ihre achte Soloveröffentlichung. Guillemot kommt aus Vancouver und gründete mit Freunden das Label FATi Records in Montreal.

RAMZi schafft eigene Klangwelten. Und dazu braucht sie lediglich ihren Laptop. Inspiration zieht sie aus ihren Reisen durch die Welt und durch das Internet. Musik und Klänge die sie dort findet, nutzt sie als Sample und bastelt daraus Tracks. Genres und Stile sind ihr dabei egal, sie verwendet das, was sich ihrer Meinung gut anhört, wie sie sagt. Gerne nutzt sie Fieldrecordings von ihren Reisen oder Tiergeräusche, wie Vogelrufe und zirpende Grillen, wie auf dem Track „Rubicon“.

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Rubicon | Bild: Ramzi - Topic (via YouTube)

Rubicon

Als Grundlage für ihre Songs dienen oft Dub-Rhythmen („Rubicon“), manchmal Dancehall („Trancehall“) und House („La Nuit l’Été 1996“). Viele Sounds die RAMZi verwendet, stammen nicht aus dem westlichen Klangkosmos. Oft sind es Musikstile aus Asien, Afrika oder Lateinamerika. Dass das nicht unproblematisch ist, hat Phoebé Guillemot schon selbst erfahren. Ihrem Nebenprojekt Jumanji, zusammen mit dem kanadischen Produzenten Francis Latreille aka Priori, wurde Anfang Februar kulturelle Aneignung vorgeworfen. Die beiden verwendeten Audioclips aus Indien, Brasilien und Mali. Vor allem Samples des indischen Nationalliedes „Vande Mataram“ kritisierten Hörerinnen und Hörer als exotisierend.

In einem öffentlichen Statement äußerten sich Guillemot und Latreille zu diesen Vorwürfen und bezeichneten ihren Produktionsprozess als fehlgeleitet: “No matter our intentions, it is not up to us to determine, if the use of borrowed material is upsetting to members of cultures we are not a part of - especially cultures that have experienced the traumas of colonization.” Guillemot und Latreille stoppten die Produktion ihres Debüts als Jumanji daraufhin und überarbeiteten ihr Album noch einmal. Schließlich veröffentlichten sie es bereinigt ein halbes Jahr später. RAMZi ist sich des schmalen Grads bewusst, den sie mit ihrem Produktionsprozess geht.

Kulturelle Aneignung oder Integration?

„I don't think I'm appropriating. It's more integrating. It has to be cooked somehow; it's not just copy-and-paste. It's a long process." RAMZi nimmt Sounds auseinander und reduziert sie auf den Kern. Das ist, was sie mit kochen meint. Anschließend verbindet sie die Sounds aus den unterschiedlichen Quellen miteinander und erschafft so etwas Neues. Die Quellen, von denen sie ihre Musik bezieht, sind so nicht mehr eindeutig identifizierbar. Sie nimmt ihre Samples auseinander und verfremdet sie so weit, dass etwas Neues entsteht. Gesungene Wörter sind nicht mehr einer Sprache zuzuordnen. Wie in dem Song „Rubicon“, in dem die gesampelten Vocals lediglich als weitere Klänge dienen.

RAMZi schafft mit maximaler Verfremdung eine eigene Welt. Die klingt außerirdisch, aber niemals künstlich, sondern warm und organisch. Sie erforscht das Dazwischen: Vertrautes und Fremdes sind die Gegensätze, zwischen denen sie sich bewegt. Nur manchmal wecken Klänge diffuse Assoziationen beim Hörer, sie produzieren mehr ein Gefühl, als ein richtiges Bild.

Beim Song „Rubicon“ wecken zirpende Grillen und warmen Synthesizer Erinnerungen an warme Sommernächte. Überall, bloß nicht im kalten Kanada, aus dem RAMZi stammt. „My music is a big mash of fusions and re-imaginings“, sagt RAMZi. Sie schafft so Klangwelten, die ihren Hörer*innen als Projektionsflächen dienen für ihre eigene kleine Weltflucht. Weg vom Alltag, weg vom kalten deutschen Winter.


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