Bayern 2 - Zündfunk

„Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“ von Porridge Radio „Ich liebe das Absurde“

Verfaulter Apfel, Wasserrutsche ins Nichts: Porridge Radio packen auf ihrem neuen Album Gefühle in Bilder. Sängerin Dana Margolin hat uns erklärt, was es mit dem Albumtitel „Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“ auf sich hat.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 24.05.2022

„Geh ins Haus, sperr alle Fenster zu, schließ die Türen…“ – was für uns, mittlerweile pandemieerfahrene Menschen, wie eine Handlungsanweisung zur Selbstisolation klingt, ist ein Song, der tatsächlich schon vor Corona entstanden ist: „Back To The Radio“ vom neuen Album der Band Porridge Radio ist aus dem Jahr 2019. Da hatte es sich schon abgezeichnet: Das kleine Indie-Projekt Porridge Radio, das Dana Margolin ein paar Jahre zuvor in Brighton gestartet hatte, würde demnächst zu groß sein für Open-Mic-Bühnen. Doch vor lauter Druck, Angst und Selbstzweifeln will sich Dana damals am liebsten verkriechen.

Und so empfindet sie die Pandemie als Segen, weil sie zu dem Zeitpunkt dringend eine Pause braucht. Ohne Corona hätten wir jetzt wahrscheinlich eine Frontfrau mit Burnout. So aber haben wir ein neues Porridge-Radio-Album. Denn statt mit dem gefeierten, für den Mercury Prize nominierten Album „Every Bad“ auf Tour zu gehen, bleibt Margolin während der Pandemie zuhause, schreibt an neuen Songs und geht ihrer zweiten Leidenschaft nach, dem Malen, wie man jetzt auf dem Cover zum neuen Album sehen kann. Es trägt den Titel „Waterslide, Diving Board, Ladder to the Sky“.

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Porridge Radio - Back To The Radio (Official Video) | Bild: PorridgeRadioVEVO (via YouTube)

Porridge Radio - Back To The Radio (Official Video)

Was die Gegenstände im Albumtitel bedeuten

Vor allem drei Symbole habe sie in dieser Zeit gemalt, erzählt Margolin im Zündfunk-Interview: eine Wasserrutsche, ein Sprungbrett und eine Leiter oder Wendeltreppe – was den Titel und das Cover des Albums erklärt.

Cover des Albums „Waterslide, Diving Board, Ladder To The Sky“ von Porridge Radio | Bild: Secretly Canadian / Cargo

Eine Wasserrutsche, ein Sprungbrett und eine Treppe bilden Titel und Cover des neuen Albums von Porridge Radio.

„Irgendwann ist mir klargeworden, was diese Symbole für mich bedeuten“, sagt die Musikerin. Nämlich Freude, Angst und Unendlichkeit. „In vielen meiner Songs geht es um intensive emotionale Erfahrungen, die sich widersprechen – oder zumindest vermeintlich widersprechen“, so Margolin. „Und genau das verarbeite ich beim Schreiben.“ Im Song „Birthday Party“ etwa fleht Dana Margolin geradezu: „Ich will nicht geliebt werden“ – und man weiß nicht, ob es nicht vielmehr ein Hilferuf nach dem Gegenteil ist. Das Gefühl, nach dem sie sich hier am meisten sehnt, ist: nichts zu fühlen. Zwei Songs später, auf „Rotten“, tut dann einfach nur alles weh und sie vergleicht sich mit einem von innen verfaulten Apfel.

Es mag anstrengend klingen, Dana Margolin zu sein, all diese Gefühle in sich zu haben und auszuhalten. Aber es sind einfach nur menschliche Gefühle, verpackt in irre gute Melodien und starke Bilder – in ihren Texten und beim Malen. Wie auf dem Albumcover mit der gruselig steilen Wasserrutsche mitten im schwarzem Nichts. Dafür hat sie sich von der britischen Malerin Eileen Agar inspirieren lassen, einer Surrealistin.

Dana Margolin liebt das Absurde

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Porridge Radio - End Of Last Year (Official Video) | Bild: Porridge Radio (via YouTube)

Porridge Radio - End Of Last Year (Official Video)

„Ich liebe das Absurde“, sagt Margolin. „In vielen meiner Texte geht es um die Seltsamkeit, überhaupt am Leben zu sein.“ Das habe etwas Existenzialistisches – und Humorvolles. „Davon fühl ich mich angezogen: Mich selbst nicht zu ernst zu nehmen.“ Zugleich sei da diese düstere existenzielle Angst. „Das alles gehört zu dieser Absurdität und hilft mir, mein eigenes Leben zu verstehen und zu verstehen, was es heißt, ein Mensch zu sein.“

Was auffällt: Die brachialen Gitarrengewitter und das Rohe vom letzten Porridge-Radio-Album fehlen weitestgehend. Dafür ist der Sound vielschichtiger geworden: mit Klavier, immer wieder der Hammondorgel und dem Wurlitzer Piano. Das Album wirkt insgesamt weicher als der Vorgänger. Aber nicht weniger intensiv. Was vor allem an der Stimme von Sängerin Margolin liegt.

„In meinen Songs lasse ich das raus, was ich mich im Alltag nicht traue“

In ihrem Gesang schwingt oft eine herrliche Verzweiflung mit. Als würde sie jeden Moment entweder anfangen zu weinen oder zu schreien – was sie natürlich im echten Leben niemals machen würde: „Wenn’s um Krisen im Alltag geht, ist mein erster Instinkt meist, ruhig zu bleiben“, sagt Margolin. Erst danach, mit Verspätung, breche langsam alles über sie herein. „Deshalb versuche ich wahrscheinlich, in meinen Songs das rauszulassen, was ich mich im Alltag nicht traue.“

Vielen von uns geht es wohl ähnlich – weshalb es sich auch so wunderbar kathartisch anfühlt, die Musik von Porridge Radio zu hören.

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Porridge Radio - The Rip (Official Video) | Bild: PorridgeRadioVEVO (via YouTube)

Porridge Radio - The Rip (Official Video)