Bayern 2 - Zündfunk


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"Double Down" Die queere Rapperin Nappy Nina verbindet Corona-Blues mit Hip-Hop-Beats

Zwischen Hip-Hop und Poesie liegt der Sound von Nappy Nina. „Double Down“ ist schon das fünfte Album der in Deutschland noch unbekannten Künstlerin – und unser wohl kürzestes Album der Woche in 25 Jahren.

Von: Ralf Summer

Stand: 23.03.2021

Hier ist eine Poetin am Start. Das wird schon im ersten Stück „Messy“ auf dem neuen Album von Nappy Nina klar. Der Song tänzelt leichtfüßig über flüssige Hip-Hop-Beats.  

Nappy Nina ist eine bei uns noch unbekannte Künstlerin. Ihre Musik ist im Hier und Heute geerdet; die neue Platte handelt von der Pandemie der letzten Wochen und Monate. Aber aufgewachsen ist Simone Bridges, wie Nappy Nina bürgerlich heißt, mit dem Erbe afro-amerikanischer Geschichte.

Eine Familie voller Jazz-Kenner und -Musiker

„Mein Vater ist ein riesiger Jazz-Sammler und -kenner“, erzählt sie im Zündfunk-Interview. Er sei Historiker und habe in ihrer Kindheit einige Radiosendungen in der San Francisco Bay Area gehabt. „In meiner Familie war viel Musik“, sagt sie. „Mein Großvater war Jazz-Drummer, mein Onkel auch Schlagzeuger und durch meine Mutter habe ich zum Beispiel wichtige Hip-Hop-Platten gehört“. Vor allem das Album „The Miseducation Of Lauryn Hill“ habe ihre Mutter gern aufgelegt – wie generell alles von den Fugees.

Nappy Nina lernte verschiedene Instrumente: Bass, Klavier und Klarinette. Sie nahm an Poetry-Slams in Oakland teil, zog dann aber nach New York. Seit 2015 veröffentlicht sie Alben, meist digital auf Bandcamp. Das neue Album „Double Down“ ist so etwas wie der zweite Teil ihrer 2019 erschienenen Platte „Dumb Doubt“.   

„Ich liebe kurze Alben“

„Double Down“ besteht aus nur neun Liedern, die wiederum nur 17 Minuten dauern. Es ist das wohl kürzeste Album der Woche im Zündfunk in 25 Jahren. Kein Zufall: „Ich liebe kurze Alben“, sagt Nappy Nina im Interview. Zwar könnten lange Alben auch toll sein, aber das Besondere an Mini-Alben unter 20 Minuten sei ihre Prägnanz: „Da muss alles sitzen.“

Wir sollten uns öfter mit Platten beschäftigen, die nicht so lang sind, findet Nappy Nina. Denn: „Unser aller Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer, auch meine“, so die Musikerin.

Tee statt Champagner 

Der Hit der Platte ist „Real Tea“, bei dem Stas THEE Boss mitsingt. Fans kennen sie als Teil des Rap-Duos THEESatisfaction – und die wiederum kennen und schätzen wir aus dem Umfeld unserer Hip-Hop-Lieblinge von Shabazz Palaces.   

Wo männliche Kollegen Champagner ohne Ende fließen lassen, sehen wir Nappy Nina und ihre Freund*innen im Video Tee trinken, aufgebrüht aus Teebeuteln. Schönes Lofi-Statement zu High-Tech-Beats. 

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Nappy Nina - Real Tea Feat. Stas Thee Boss (Official Video) | Bild: Nappy Nina (via YouTube)

Nappy Nina - Real Tea Feat. Stas Thee Boss (Official Video)

Nappy Nina selbst sagt über „Real Tea“: „Es ist eines der Stücke, das sich vor der Old School verbeugt.“ Jwords habe tolle Beats hinbekommen. Und Stas THEE Boss, die mit am Mikro ist, „hat die butterweichste Stimme, die man sich im Rap vorstellen kann“, so Nappy Nina. Das Video zum Song zeige einfach „eine Teeparty mit den Homies“. Das habe viel Spaß gemacht. 

„Meine Homies sind Poets“  

Meine „Homies“, wie Nappy Nina sagt, sind „Poets“, Poeten und Poetinnen. Auf dem Vorgänger-Album „Dumb Doubt“ von 2019 waren tolle Typen wie Quelle Chris oder Nick Hakim zu Gast. Auf „Double Down“ taucht Maassai mit ihrer sanften Stimme auf. Auch sie ist aus New York. 

Die Stücke haben diesmal kaum Refrains zum Mitsingen, der Beat der Worte treibt die Tracks unermüdlich voran. 

Gegenstimme zu den vielen männlichen MCs 

Unser Album der Woche handelt von den irren Corona-Monaten 2020, davon, dass man gar nicht weiß, wohin mit seinem Frust. Nappy Nina geht es auch um Politik, um soziale Themen und ihre Perspektive als queere Afro-Amerikanerin.  

Wenn sie ihre Stimme erhebt, klingt es immer auch nach Jazz. Dabei mochte sie ihn früher nie. „Ich habe geschrien, wenn mir mein Dad als Kind Jazz vorgespielt hat“, sagt sie. Und dass es im Rap zu viele „Mencees“ gibt, zu viele männliche MCs.  

Sie hat so viel Jazz, Soul und Poesie in sich – Nappy Nina ist eine der vielversprechendsten Stimmen des US-Rap. Wenn sie so weitermacht, wird sie noch meine persönliche „Femcee“ Nummer 1. Schön, dass wir sie endlich entdecken können! 


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