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Album der Woche: "Dimensional People" Mouse on Mars machen sich auf die Suche nach neuen Sounds und erfinden ein Meisterwerk

Mouse on Mars auf dem Höhepunkt ihrer Kunst. Seit 25 machen die Kölner Jan St. Werner und Andi Thoma elektronische Musik. Auch dank der Hilfe von Leuten wie Bon Iver oder The National haben sie nun mit dem Album "Dimensional People" ein Album geschaffen, das sie selbst wahrscheinlich nicht mehr übertreffen können: Eine Collage in 145 BPM.

Von: Roderich Fabian

Stand: 16.04.2018

Eigentlich stand Bon Iver am Anfang des Projekts: Im Juni 2017 waren Mouse on Mars bei Justin Vernons "Eaux Claire Festival" in Wisconsin zu Gast. Sie haben den Aufenthalt dort und die Begegnung mit unzähligen anderen Musikern für ihr neues Album genutzt. Bon Iver brachte Mitglieder von The National mit, die Rapperin Amanda Blank hat auf dem neuen Mouse On Mars Album ebenso ihren Auftritt wie diverse Bläser, Streicher und Drummer. "Es kamen halt auch immer wieder neue Musiker, die wir gar nicht kannten", erzählt Jan Werner. "Wir haben denen Sachen vorgespielt, haben überlegt: Wo passt Pedal Steel rein? Wo könnte man Banjo dazuspielen? Manche wollten klare Ansagen. Manche haben gesagt: Brauch ich gar nicht, ich fang sofort an. Manche wollten was doppeln, was in der Musik drin war und wollten sich da sofort drauffuchsen, und manche haben einfach etwas rausgelassen und beim nächsten Take wieder was ganz anderes gemacht."

Die Musiker konnten sich vollkommen frei über vorgegebene Loops und Beats bewegen. Die Mäuse sammelten immer mehr Takes an, die dann zur Nachbearbeitung mit nach Berlin genommen wurden. Das Zusammensetzen des akustischen Puzzles war dann schon eine ziemliche Herausforderung, erinnert sich Andi Thoma. "Es war schon riesig viel Material, und da habe wir schon ne Weile darüber meditiert, wie das dann letztendlich arrangiert und zusammengefügt wird. So ein paar Monate haben wir editiert, ein bisschen geordnet. Und das ging dann immer schneller. Und am Ende dann sogar ruckzuck, weil auch wirklich alles so gut zusammengepasst hat."

Dreidimensionaler Raumklang

Hilfreich war freilich, dass die Geschwindigkeit auf "Dimensional People" immer gleich bleibt: 145 Beats per Minute. Das erlaubte Mouse on Mars, die einzelnen Versatzstücke aus Folk und Footwork, Hip-Hop und Rock beliebig anzuordnen. Zum Mischen des Album wurde eine neue Software für Raumklang verwendet: Spacial Sound, mit der die Musik dreidimensional wirkt. Statt das technisch umständlich zu erklären, findet Jan Werner ein schönes Bild. "Du drehst total durch, weil von deinem Lieblingspaar Socken nur noch einer da ist. Dann schüttelst du die Kiste in deinem Schrank, wo deine Socken alle drin sind – du hast ja auch im Lauf der Jahre eine beträchtliche Socken-Sammlung angelegt – du holst die Kiste raus und schmeißt jeden Socken einfach im Zimmer rum, bis der eine auftaucht, den du wolltest. Und das Geile ist bei dem Verfahren, das wir angewendet haben: Die Socken bleiben alle hängen an der Wand."

Mouse on Mars Albumcover "Dimensional People" | Bild: Thrill Jockey

Albumcover "Dimensional People"

Am Ende steht ein gigantisches Patchwork aus Flächen, Stimmen und Instrumenten – typisch Mouse on Mars, eigentlich. Aber angereichert durch die diversen Gäste, die nur selten im Vordergrund stehen, sondern einfach ihren Anteil am Gesamtkonzept haben. So richtig Pop machen Mouse on Mars höchstens mal mit einem kurzen Zitat. Länger hält Jan Werner puren Pop nicht aus. Daft Punk z.B. hätten ja echt tolle Melodien, aber die spielten die halt nicht einmal, sondern fünf Minuten durch im Loop. "Ich kann es nicht ertragen. Ich halt das überhaupt nicht aus. Ganz schlimm finde ich das bei 'Robot Rock'. Ich fühl mich verarscht. Ich mein, ich bin doch nicht blöd. Ich hab’s kapiert. Und dann wird das da durchgenudelt. Das kann man sich doch im Kopf machen. Kennt doch auch jeder, wenn du plötzlich bei einer Wanderung so ne Melodie im Kopf hast. Und die loopt sich und die wirst du nicht mehr los – das ist immer der Horror."

Ein avantgardistisches Meisterwerk

Manchen wird "Dimensional People" zu avantgardistisch sein, aber das Album ist eben auf der Suche nach neuen Sounds, so wie das einst Brian Wilson, Can, David Bowie und Brian Eno versucht haben. Dies ist das Meisterwerk von Mouse on Mars, das sie kaum noch toppen können. Und es gibt höchstens ein Medium, für das es vielleicht nicht ganz geeignet ist, meinen jedenfalls Jan und Andi. "Das Schöne ist, dass man es in verschiedenen Situationen hören kann und dass es auch immer etwas anderes hergibt. Wir haben's – glaube ich – jetzt mal im Radio gehört, vor kurzem, da fand ich's gar nicht so gut. Also, man solltes es auf gar keinen Fall im Radio hören!"


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