Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: "Tomorrow Comes the Harvest" Tony Allen & Jeff Mills schaffen futuristischen Kraut-Beat

Ein Album der Woche. Zwei große Namen. Jeder für sich alleine genommen ist schon eine Legende: Tony Allen, der Afro-Beat Architekt und Jeff Mills, der den Detroit-Techno geprägt hat, multiplizieren sie die Beat-Musik ins Quadrat.

Von: Maria Federova

Stand: 06.08.2018

live Konzert | Bild: picture alliance/Pacific Press Agency

Tony Allen ist jener Tausend-Hände-Drummer, der die bis zu zwanzig Mann starke Band von Fela Kuti in einen mehrstündigen Groove-Taumel versetzt hat. Das war damals in den 60er Jahren, als er im nigerianischen Lagos den Afrobeat erfand. Techno-Pionier Jeff Mills trat erst 20 Jahre später in Detroit zum ersten Mal an die Plattenspieler, die er auf ganz eigenwillige Weise wie ein Schlagzeug behandelte und dabei seine Signature Moves etablierte: Jeff Mills in Aktion zuckt, tritt zur Seite und schnellt dann wieder nach vorne, seine Bewegungen sind präzise und doch ziemlich rasant, schließlich will er bis zu vier Plattenteller gleichzeitig bedienen.

Gut getaktete Verarbeitung der Pop-Historie

Vor zwei Jahren dann treffen sich die beiden rastlosen Jongleure zum ersten Mal auf der Bühne des Pariser Jazz-Clubs "New Morning". Nun ist endlich auch die gemeinsame EP "Tomorrow Comes the Harvest" erschienen. Eine großartige Kooperation, eigentlich zu abgespaced, um wahr zu sein. Aber das Ergebnis ist vor allem eins: eine ziemlich stilvolle und vor allem gut getaktete Verarbeitung der gemeinsamen Pop-Historie.

Die Anfänge dieses Superlativen-Projekts gestalteten sich noch recht prosaisch. Es waren nämlich die Manager der beiden, die auf die Idee kamen, die zwei Musiker zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. Dabei erzählt Jeff Mills, es habe sofort "klick" gemacht, als Tony Allen ihm beim Arbeiten zugesehen habe.

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden genre-übergreifend arbeiten. Mills hat schon mit klassischen Orchestern, Visual Artists und sogar Astronauten und Psychologen zusammengearbeitet, um die Grenzen elektronischer Musik zu verschieben. Tony Allen hat sich seinen lässigen Funk von mehreren Projekten mit Damon Albarn und Moritz von Oswald geborgt. Jeff Mills aber, sagt Tony Allen, sei der Einzige, mit dem er auf Augenhöhe sprechen und spielen kann. Und diese Harmonie schwingt mindestens genauso deutlich mit, wie ihre gleiche Beat -Erziehung.

Drums vs. Drum-Machines

Auf der EP "Tomorrow Comes the Harvest" dreht sich vieles um afroamerikanische Erfahrungswelten. Das Cover des Albums zieht uns ins Weltall und zeigt den Kopf eines afrikanischen Kriegers im Sternenhimmel - bekannte Elemente des Afrofuturimus. Den Allen und Mills in nur vier Tracks auf den Punkt bringen. Die restliche Spielzeit verwenden sie, um in den Extended Versions die "Drums vs. Drum-Machines" detaillierter auszuspielen. Dabei lassen sie auch andere afro-amerikanische Künstler zu Wort kommen - zum Beispiel den Dichter und Regisseur Carl Hancock Rux.

Dennoch ist "Tomorrow Comes the Harvest" das Album zweier Künstler, die eigentlich keine sichere Vorlage für ihr Handwerk gebraucht hätten, weil sie ohnehin beeindruckend intuitiv und zukunftsweisend arbeiten. Avantgarde wollen die beiden trotzdem nicht sein, sondern sich und uns Zeit geben für ihre Musik. Ihr futuristischer Kraut-Beat lädt auf eine konzentrierte Astralreise ein: Back to the future also.


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