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Album der Woche: "Kiwanuka" Warum Michael Kiwanukas Album die perfekte Antwort auf Brexit und Co. ist

Dem britischen Sänger Michael Kiwanuka gelingt es auf seinem dritten Album tatsächlich, die beiden ohnehin schon starken Vorgänger zu übertrumpfen. Und: Er schafft es in Zeiten von Hetze und Hass, Optimismus zu verbereiten.

Von: Roderich Fabian

Stand: 04.11.2019

Um das anfangs gleich mal klarzustellen: „Kiwanuka“ ist kein Retro-Soul-Album, ist also nicht vergleichbar mit der Musik von Sharon Jones, Charles Bradley und anderen amerikanischen Künstlern, die möglichst exakt wie in den Sixties oder Seventies klingen wollen. Michael Kiwanuka ist zwar historisch höchst informiert, kennt also alle Klassiker, macht aber moderne Musik für die Gegenwart. Und ein Song wie „Piano Joint“ erinnert eher an James Blake als an James Brown.

„Es ist Zeit, neu anzufangen“, singt der Londoner hier. Und tatsächlich hat er sich von vielen „Gemütlichkeiten“ gelöst, die man von seinen früheren Songs her kannte. „Kiwanuka“ ist geprägt vom Zeitgeist der Gegenwart und natürlich vom Klima des Brexit, das Großbritannien hat ungemütlich kühl werden lassen in den letzten Jahren. Aber er ist auch sehr beschlagen in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der Sixties. Deswegen borgt er sich eine Stimme aus jener Zeit, nämlich die des Civil Rights-Aktivisten John Lewis für das Zwischenspiel „Loving The People“.

Liebe in Zeiten des Hasses

Lewis sprach damals vom inneren Widerspruch, den er empfand: Also, einerseits das bösartige System des Rassismus bekämpfen zu müssen, andererseits aber weiterhin die Menschen an sich zu lieben - auch die, die sich dieser Zuneigung verweigern. Dieser Martin Luther King-mäßige Ansatz durchweht das ganze Album: Liebe in Zeiten des Hasses.

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Michael Kiwanuka - You Ain't The Problem | Bild: MichaelKiwanukaVEVO (via YouTube)

Michael Kiwanuka - You Ain't The Problem

Musikalisch dockt Michael Kiwanuka diesmal gern beim psychedelischen Soul an, den in den frühen 70ern Bands wie „Sly And The Family Stone“, die Temptations oder die Isley Brothers gespielt haben. Und dann darf auch schon mal das Fuzzbox-Effektgerät die Gitarre verzerren. Denn Kiwanuka hat als Gitarrist seine Karriere begonnen, als Livemusiker beispielsweise für Adele.

Produzent: Danger Mouse

Das Gitarrensolo in „Hero“ erinnert natürlich an Jimi Hendrix‘ Solo bei „All Along The Watchtower“ - wie gesagt: Michael Kiwanuka ist informiert, auch Rockmusik-informiert und im Amerikaner Danger Mouse, der Teile des Albums produziert hat, hat er genau den richtigen Partner am Mischpult. Danger Mouse hat dafür gesorgt, dass das Album einen universellen Charakter bekommen hat, dass es einerseits Erinnerungen wachruft und andererseits zeitgemäß klingt.

Wider den Zynismus der Gegenwart

"Kiwanuka", Album Nr. 3 von Michael Kiwanuka

„Time Is A Healer And Love Is The Answer“, singt Michael Kiwanuka auf „I’ve Been Dazed“, was dann eben doch eine sehr optimistische Haltung ist, die uns bedeuten soll, dass jede Krise vorbeigeht, die private und die politische. Das kann man naiv finden oder spirituell oder beides. Jedenfalls stehen die Songs damit in klarem Widerspruch zum angesagten Zynismus der Gegenwart. Und weil diese Botschaft momentan alle gut brauchen können, und weil Kiwanuka eben auch hier darüber informiert ist, wie unperfekt wir alle sind, sollten wir uns auf „Kiwanuka“ einlassen: Auf großes Kino im Zeichen der Krise.


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