Bayern 2 - Zündfunk


12

"Andere" Max Rieger liefert den Sound der Einsamkeit genau zur richtigen Zeit

Max Rieger ist der Mann der Stunde. Als Sänger der Band Die Nerven, Produzent von Friends of Gas, Mia Morgan, Drangsal oder Jungstötter. Und als Solokünstler unter dem Namen All Diese Gewalt. Das neue Album "Andere" ist der perfekte Soundtrack für graue Novembertage, Lockdown Light und Nervenzusammenbrüche.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 09.11.2020

Max Rieger | Bild: Starkult Promotion / Erik Weiss

Der Sound der Einsamkeit

Graue November-Tage, Lockdown-Light, Ausgangsbeschränkungen. Max Riegers Solo-Album könnte kaum besser in diese wirre Zeit passen: "Andere" wirkt wie ein Album für Menschen, die einsam zuhause sitzen und wegen Corona gerade viel Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken. So eine Platte zuhause aufzulegen, gemütlich ein Tässchen Tee schlürfen und zu grübeln – ein großer Spaß. So eine Platte zu schreiben, zu komponieren und zu produzieren aber - eine große Qual, sagt Max Rieger: "Ich bin froh, dass es fertig ist, ich bin froh, dass ich jetzt was anderes machen kann. Weil es war wirklich schwer das zu machen einfach."

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

all diese gewalt - ANDERE [Official Video] | Bild: GlitterhouseTV (via YouTube)

all diese gewalt - ANDERE [Official Video]

November und Lockdown Light

Max Rieger gehört mit seiner Band "Die Nerven" schon seit einiger Zeit zu den wichtigsten deutschen Stimmen. Nun ist er auch noch einer der angesagtesten Indie-Produzenten im Land – in Berlin nennt man ihn schon jetzt den deutschen Rick Rubin. "All diese Gewalt" ist aber nicht nur wegen des novembrigen Sounds so genial. Neben Selbstreflexion und Aufarbeitung der eigenen Geschichte steckt in dem Album auch eine große Portion Kritik am Zeitgeist. Besonders stark heraus stechen zwei Hasslieder auf die Influenzerisierung der Gesellschaft: "Echokammer" und "Erfolgreiche Life".

Wie politisch sind Memes, TikTok und Instagram?

Wer will, kann aus diesen Tracks eine Kritik an einem Musikgeschäft heraushören, in dem Künstler*innen mehr Zeit damit verbringen, sich für Memes, TikTok-Tänze oder Instagram-Fotos in Szene zu setzen, als wirklich geistreiche Musik zu schreiben. Aber – und das zeichnet "Andere" ebenfalls aus – man muss die Kritik auch nicht herbeizwingen, wenn man nicht will. Max Rieger will darüber nicht urteilen. "Was man damit macht, mit dem Song am Ende – ob er eine politische Kraft hat, oder eine gesellschaftliche Kraft, das kann ich nicht beurteilen. Ich finde aber auch nicht, dass es mein Job ist, das zu beurteilen", sagt er. "All diese Gewalt" ist ein vieldeutiges Projekt. Und genau dadurch entfaltet die Platte beim Hören eine Kraft, die Pop-Musik nur selten hat.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

all diese gewalt - ERFOLGREICHE LIFE [Official Video] | Bild: GlitterhouseTV (via YouTube)

all diese gewalt - ERFOLGREICHE LIFE [Official Video]

Die perfekte Pop-Melancholie

Man spürt beim Hören förmlich, wie der düstere Herbst einem in die Knochen fährt. Aber das kann deutscher Pop ja ohnehin gerade gut. Drangsal oder Ilgen Nur, die Max Rieger mit produziert, kommen ähnlich melancholisch daher. Und auch Felix Kummer hat mit "Kiox" letztes Jahr mit einem Herbst-Album die Charts gestürmt. Max Rieger sagt es selbst: "Andere" lebt von der Atmosphäre: "Es ist ja jetzt kein Storytelling, was ich auf der Platte betreibe, oder eine Geschichte, die ich erzähle – sondern ich kuratiere Zeit. Das ist der rote Faden, den ich betreibe und der ist mehr ein Gefühl als irgendein Narrativ."

Das Ergebnis: Beats und Samples, die stellenweise so klingen, als hätte man das Stranger-Things-Intro mit Dubstep und Punkrock vermischt. Trotzdem ist "Andere" bei weitem nicht so sphärisch wie die zwei vorherigen Alben von "All diese Gewalt". Es hat viel mehr Rhythmus, viel mehr Melodie und weniger Monotonie. Und irgendwie auch eine Großstadtplatte. Schon am Anfang des Albums war Max Rieger allein – am Ende der Reise steht eine Fehlermeldung. Files Not Found – die Selbstdekonstruktion an ihrem natürlichen Ende. Es ist der Sound der Einsamkeit – der in den grauen Novembertagen des Teil-Lockdowns genau das ist, was wir brauchen. Um doch nicht ganz allein zu sein.


12