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„Sometimes I Might Be Introvert" Das neue Album von Little Simz offenbart die Essenz des Britischen Pop

Ihre Platte „Grey Area“ war 2019 unser Album des Jahres – nun ist die Rapperin Little Simz mit einem neuen Album zurück. „Sometimes I Might Be Introvert“ macht klar, wie gut Schüchternheit und Hiphop zusammenpassen.

Von: Ralf Summer

Stand: 03.09.2021

Opulenter wird es heuer nimmer: Mit Pauken und Trompeten beginnt die neue, große Platte von Little Simz. Die Afrobritin heißt eigentlich Simbiatu Ajikawo, kurz: „Simbi“. Für Album Nummer fünf hat sie ein Akronym für ihren Spitznamen gefunden: „Sometimes I Might Be Introvert“. Eigentlich das Todesurteil im Hiphop: Wer will schon eine introvertierte Rapperin hören? Aber bereits bei der letzten Platte, „Grey Area“, ging es ums Älterwerden – es war ein Album über die Quarterlife-Crisis mit 25 Jahren. Little Simz steht zu ihrer Melancholie, zu ihren Zweifeln.

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Little Simz - Woman ft. Cleo Sol (Official Video) | Bild: Little Simz (via YouTube)

Little Simz - Woman ft. Cleo Sol (Official Video)

Schwarze Frau und stolz darauf

„An manchen Tagen fehlen mir die Worte – manchmal bin ich Wortschöpferin“, singt Little Simz im ersten Song „Introvert“. Aber auch: „Ich bin eine Schwarze Frau und stolz darauf”. Schon über ihr Album aus dem Jahr 2015 sagte sie im Zündfunk-Interview, dass sich ihre Botschaft vor allem an Mädchen und junge Frauen richte: „Wenn du an etwas glaubst, kannst du weit damit kommen.“ Nun ist sie 27, und die Zeit ist auf ihrer Seite. Einige aus ihrer einstigen Jugendclique aus den schwierigen Vierteln im Norden Londons bereichern gerade die britische Pop-Szene. Mit Cleo Sol, Stimme des mysteriösen Musikprojekts Sault, singt sie ein Empowerment-Duett: „Woman“.

Das Video zu „Woman“ war das erste, bei dem Little Simz selbst Regie führte. Im Video sehen wir Frauen aus Sierra Leone, Tansania und Äthiopien, die das machen, was früher alte, weiße Männer machten: an einem reich gedeckten Tisch tafeln und sich gegenseitig inspirieren und beflügeln. Schon als sie den Song schrieb, wusste sie, dass „Woman“ etwas Besonderes wird, sagt Little Simz. Das liege auch an der musikalischen Chemie zwischen ihr und Cleo Sol: „Es ist ja nicht nur ihre Stimme, auch ihr positiver Geist schimmert da durch.“ Beim Gesang von Cleo Sol könne man sich nur gut fühlen, findet Little Simz. „Und als wir das Lied zum ersten Mal live gespielt haben, hat das Publikum leidenschaftlich mitgesungen – der Song ist einer meiner Lieblinge.“

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Little Simz - I Love You, I Hate You (Visualiser) | Bild: Little Simz (via YouTube)

Little Simz - I Love You, I Hate You (Visualiser)

Gemischte Gefühle zum abwesenden Vater

„I Love You, I Hate You“ ist ein Stück, das ganz besonders aufgenommen wurde: Panorama-Rap voller Streicher, Bläser und Chöre. Und immer noch eine Idee draufgesetzt, ohne überproduziert daherzukommen. Ein Lied über die gemischten Gefühle zu ihrem abwesenden Vater. „Darüber zu schreiben, fiel mir sehr schwer“, sagt Little Simz. Da sei viel hochgekommen. Aber eine Stimme in ihr habe ihr gesagt: „Mach das!“

Was hatte sie zurückgehalten? „Ich wollte meinem Vater bisher nicht diese Bühne geben“, so Little Simz. Auch hätte das Lied auf ihrer ersten Platte, mit zwanzig, noch „Fuck you“ geheißen, erzählt sie – nicht „I Love You, I Hate You“. Heute betrachte sie das Vaterthema aus mehreren Blickwinkeln. „Dadurch, was ich alles in der Kindheit durchgemacht habe, ist das nun ein ganz wichtiges Lied für mich.”

Hier schlägt das Herz des britischen Pop

„Rollin Stone“ endet mit der Zeile: „Lucky in Berlin, das ist kein Problem“. Ein Stück mit modernen, synthetischen Trap-Beats und Autotune. Little Simz kann also auch weniger opulent-orchestral. Zwei Stücke klingen nach dem Yoruba-Sound Nigerias, der Heimat ihrer Eltern. Im Song „Two Worlds Apart“ rappt sie über ein altes Stück von R-'n'-B-Legende Smokey Robinson. Doch immer wieder ploppen sie auf, die Selbstzweifel, die Frage: Spricht hier Simbi, die Privatperson, oder Simz, die Künstlerin? Ist die eine der ärgste Feind oder der beste Freund der anderen? Das Stück „Miss Understood“ wiederum ist laut Little Simz als eine Art Tagebucheintrag zu verstehen. „Ich fühle mich oft missverstanden. So geht es mir die meiste Zeit“, sagt die Musikerin. „Oft hat mich das genervt.“ Manchmal sei das Gefühl aber auch angenehm. „In meiner Musik spreche ich zu allen, denen es auch so geht“, so Little Simz. Sie wolle ihnen sagen: „Ich sehe eure Tränen, ich fühle euren Schmerz, unverstanden zu sein.“

Klar, im Vergleich zu Cardi B, Nicki Minaj oder Lizzo ist sie das vielleicht, introvertiert. Aber das macht Little Simz nur noch sympathischer. Unser Album der Woche ist schon jetzt eines der Rap-Highlights des Jahres. Es wird Zeit, die Clique um Superproduzent Inflo mal in einem schönen Schaubild zu skizzieren: Er in der Mitte am Mischpult und mit Mikrokabeln verbunden um ihn herum sind Michael Kiwanuka, Jungle, Cleo Sol, Sault und Little Simz. Hier schlägt zurzeit das Herz des britischen Pop!