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Album der Woche: Leikeli47 - "Acrylic" Die Rapperin Leikeli47 trägt Maske und offenbart sich trotzdem

Der US-HipHop ist weiblich wie nie: die Newcomer heißen Cardi B, CupcakKe, Lizzo, Kamaiyah - und Leikeli47, die Rapperin mit der Maske. Leikeli47 zeigt uns zwar nicht, wer sie ist. Dafür aber, dass sie verdammt tight rappen und auch singen kann. Ihr neues Album "Acrylic" ist eins der besten, vielseitigsten HipHop-Alben des Jahres.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 26.11.2018

Leikeli47 lädt uns ein in ihre Hood, nach Brooklyn. Nicht dorthin, wo die Hipster ihren Mandelmilch-Latte trinken, sondern dorthin, wo einem der Geruch von Acryl entgegenschlägt. Er kommt aus den Nagelstudios, die von Afro-Amerikanern betrieben werden. Hier werden Frauen kunstvoll verzierte, zum Teil gruselig lange Nägel verpasst, ein Schönheitsritual, das Leikeli47 auf ihrem neuen Album "Acrylic" feiert. Denn für sie sind die langen Nägel ein Zeichen von Black Pride und von Furchtlosigkeit. Die Hood mag zwar gefährlich und runtergekommen sein, Polizeigewalt und "racial profiling" an der Tagesordnung, aber die Nägel sind top!

Mit der Maske wird sie zur Superheldin

"Acrylic" ist Leikeli47s zweites Album. Ihr großartiges Debüt "Wash & Set" aus dem letzten Jahr wurde leider ziemlich übersehen. Vielleicht liegt’s daran, dass sie sich in Zeiten permanenter Selbstdarstellung immer noch eine gewisse Anonymität bewahrt: wir wissen weder ihren richtigen Namen, noch ihr Alter, noch wie ihr Gesicht aussieht: sie trägt in der Öffentlichkeit immer eine Maske. Sie, die immer wahnsinnig schüchtern war, fühlt sich damit wie eine Superheldin. Außerdem, erklärt sie im Interview mit dem HipHop-Sender Hot 97, möchte sie so den Fokus auf ihre Musik lenken, nicht auf ihre Person.

Manchmal Ski-Maske, manchmal Bandana: die Maske erlaubt Leikeli47 eine gewisse Anonymität.

Natürlich ist Leikeli47 nicht die Erste, die Maske trägt. Das kennen wir von den Residents, von Daft Punk oder von Cro. Aber gerade für eine Frau im oft übersexualisierten HipHop-Umfeld ist das tatsächlich ungewöhnlich. Bei Rapperinnen wie Nicki Minaj und Cardi B sind die sehr freizügigen Outfits und expliziten Texte auch cool und ein Zeichen von Empowerment, Aber das erschöpft sich zuweilen. Leikeli47 scheint das alles gar nicht nötig zu haben. Sie wirkt mit Maske und Jogging-Anzug angenehm "normal" und hat trotzdem was von Selbstermächtigung zu erzählen: zum Beispiel wie sie in einem reinen Frauenhaushalt aufgewachsen ist. Männer? Brauchte eh niemand.

Kann nicht nur tight rappen, sondern auch singen

Das Album "Acrylic" ist nicht nur eine Tour durch Leikeli47s Brooklyn, sondern auch eine durch die gesamte Bandbreite ihres Könnens. Sie kann nicht nur verdammt tight rappen, sondern auch singen. Eins der Highlights auf dem Album: der Song "Hoyt and Schermerhorn", benannt nach einer Ubahn-Station in Brooklyn. Hier wurde damals das Video zum Song "Bad" gedreht von Michael Jackson. Ihn verehrt Leikeli47 wie keinen anderen Künstler. Ihr Sound ist aber viel mehr als Pop und HipHop. Es gibt Einflüsse von R’n’B, das verzerrte Elektro-Brett in "Tic Boom" und Dancehall in "Bad Gyal Flex". Und das alles so mühelos und selbstverständlich neben- und miteinander, dass dieses Album von vorne bis hinten einfach unfassbar Spaß macht und einen Energie-Kick nach dem anderen auslöst.

Leikeli47 strotzt auf diesem Album vor sympathischem, gesundem Selbstbewusstsein. Eigentlich bräuchte sie sich längst nicht mehr hinter ihrer Maske verstecken. Aber schön zu sehen, dass in unserer auf Äußerlichkeiten fixierten Welt auch mal die gehört werden, die einfach nur mit ihrem Können punkten. Dieses Album wird niemand mehr überhören.


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