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Album der Woche: "Norman Fucking Rockwell" Lana Del Reys neues Album ist ein pathetisches Meisterwerk

Niemand schafft es gleichzeitig so nostalgisch und modern zu sein wie Lana Del Rey. "Norman Fucking Rockwell", das fünfte Album der Sängerin lässt kaum Vergleiche zu ihren Zeitgenossen zu - diese Songs können sich mit John Lennon und Elton John messen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 09.09.2019

Erstmal müssen wir klären: Wer ist dieser titelgebende Norman Fucking Rockwell? Den kennt hier keiner. In den USA ist er dagegen eine Legende. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts illustrierte er hunderte von Titelbildern der „The Saturday Evening Post“ und zeichnete dabei ein Wunsch-, ein Traumbild von Amerika. Norman Rockwells Zeichnungen waren zwar kitschig, aber immer wohlmeinend.

Er erfand - zusammen mit Hollywood - eine Idealvorstellung des Landes, das es so eigentlich nie gegeben hat: zu schön, um wahr zu sein. Und das gilt auch für die Musik Lana Del Reys. Nur hat sie zur Sicherheit ihre Platte „Norman Fucking Rockwell“ genannt, damit klar ist: Naiv bin ich nicht.

Von der Ära des Pop in die Moderne

Im gleichnamigen Song taucht Rockwell übrigens gar nicht auf, erst später bei „Venice Bitch“. Da singt sie, ihre angeblich perfekte Ehe sei „Norman Rockwell“-haft, kein Fake, die volle Harmonie. Aber natürlich ist da ein Augenzwinkern dabei, wie überhaupt die Texte des Albums ohne einen Sinn für Ironie überhaupt nicht zu verstehen sind. Allein die Zeile, mit der das Album beginnt: "God damn manchild, you fucked me so good, I almost said 'I love you'."

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Norman fucking Rockwell | Bild: Lana Del Rey - Topic (via YouTube)

Norman fucking Rockwell

So ein Spruch hätte dem wirklichen Norman Rockwell kaum gefallen, Lana Del Rey zeigt sich hier eher Hip-Hop-informiert. Die Zeiten, wo man im prüden amerikanischen Pop etwas dezent umschreiben musste, sind vorbei. Und so geht es munter weiter, etwa in „Fuck it I love you“, wo sie einem Typen hinterhertrauert, der es - streng genommen - nicht wert ist.

Im Text des Tracks findet sich etwa die Zeile „Dream a little Dream of me“ - klar, eine Reminiszenz an die Mamas and Papas, auch „Crimson and Clover“ tauchen auf und Neil Youngs „Cinnamon Girl“ - es ist erstaunlich, wie gut sich die 34-jährige Lana Del Rey auskennt in der Goldenen Ära des Pop, denn alle Texte hier stammen von ihr - mit Ausnahme eines Covers des Sublime-Songs „Doin‘ Time“. Ja, Lana Del Rey übersetzt die Traumfabrik Amerikas in die Gegenwart, auch dank der Unterstützung des momentan angesagten Produzenten Jack Antonoff, der schon mit Taylor Swift, Lorde oder St. Vincent gearbeitet hat, sich aber jeweils dem Style der jeweiligen Sängerin unterwirft.

Lana del Rey hält mit Elton John und John Lennon mit

Und der Style von Lana Del Rey ist nun mal großes, pathetisches Tennis. Ihr Songwriting hier kann durchaus den Vergleich mit Größen wie Elton John oder John Lennon bestehen, und eine Melodie wie die von „The Greatest“ hätte bestimmt auch Elvis dankbarst eingesungen.

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Lana Del Rey - Fuck It I Love You & The Greatest (Official Video) | Bild: LanaDelReyVEVO (via YouTube)

Lana Del Rey - Fuck It I Love You & The Greatest (Official Video)

Sie vermisst New York und den Rock'n'Roll, singt Lana Del Rey hier. Und - tatsächlich - sie möchte aufs Klo, um sich das Gefühl von damals zurückzuholen. Das ist schon heftig, gleichzeitig so nostalgisch und so modern zu sein. Aber genau das macht „Norman Fucking Rockwell“ aus, das Beste beider Welten: Rock-and-Roll-Love-Songs in der Sprache des Gangsta Rap, ein sehnsüchtiges und gleichzeitig realistisches Amerika, Hollywood und Donald Trump, ein Feuerwerk und die Klospülung - Lana schließt auf zu den Sternen, die sie bewundert und lacht sie gleichzeitig aus - ein zeitgenössisches Meisterwerk.


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