Bayern 2 - Zündfunk

"Agor" Der Soundtüftler Koreless schraubt bis es perfekt ist - gerne auch mal zehn Jahre

Vor zehn Jahren spitze die Elektronik-Szene die Ohren: Da war dieser 20-Jährige, der eben mal "Yugan" aus dem Ärmel geschüttelt hatte. Doch dann hörte man zehn Jahre nichts mehr von Koreless - außer ein paar gefeierte Remixe für FKA Twigs bis Caribou. Nun erscheint endlich das Debütalbum!

Von: Florian Fricke

Stand: 13.07.2021 10:32 Uhr

Lewis Roberts alias Koreless ist ein Bilderbuch-Nerd, der sich wochenlang nur einem Sound widmen kann, wenn das Ergebnis noch nicht seiner Vorstellung entspricht: „Ich war ziemlich geflasht, wie sehr die Leute auf ‚Yugan‘ abfuhren, wie sie alle meine Tracks mochten. Oh mein Gott, die wollen das wirklich alle hören? Also begann ich, mich extrem unter Druck zu setzen, um so etwas wie ein Meisterwerk nachzulegen. Deswegen verschwand ich für Jahre und arbeitete wie ein Irrer“, so Roberts im Zündfunk-Interview. Spätestens 2013, nach seiner dritten EP „Yugan“, hatte ihn die Elektronik-Szene auf dem Zettel.

Post-Rave-Blues

Die frühen Tracks atmen denselben Post-Rave-Blues, wie wir ihn von Burial kennen. Roberts Hang zum Perfektionismus wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Aufgewachsen ist der 30-Jährige in einem kleinen Ort an der walisischen Küste, wo die Natur so mächtig erscheint und der Mensch ehrfürchtig und bescheiden. Das Interview findet zufällig an einem Tag statt, an dem er sich auf einem seiner seltenen Heimatbesuche in seinem Elternhaus befindet. „Das ist schon ein besonderer Ort hier, sehr episch mit diesen beeindruckenden Bergen. Aber wenn du hier lebst, wirkt alles so bescheiden. Meine Freunde hier verlassen nie das Haus, die benehmen sich wie Hobbits. Melancholie ist hier tief verankert, aber da ist auch dieses ständige Drama im Hintergrund. Und so klingt mein Album: Episch, ich gehe gerne immer wieder in die Vollen – aber da ist auch diese sanfte, schüchterne Melancholie als Kontrast. Und egal, was ich musikalisch anstelle, ich werde immer wieder in diese Richtung getrieben. Meine Hände greifen wie automatisch nach diesen Akkorden“, so Roberts.

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Koreless - Black Rainbow | Bild: Koreless (via YouTube)

Koreless - Black Rainbow

„Agor“ klingt über weite Strecken nach diesem Kontrast, der einsame Bedroom-Producer inmitten der tobenden Naturgewalten. Wenn er einen neuen Song angeht, vergleicht Lewis Roberts seine kreative Suche mit einer Figur wie Odysseus, der auf eine unbekannte Schiffsreise geht: „Und dann stichst du los in den Ozean und siehst bald keine Küste mehr. Du siehst gar nichts mehr. Vielleicht drehst du dich im Kreis, vielleicht kommt ein Sturm, dann eine Flaute und nichts bewegt sich. Du hast keine Ahnung mehr, wo das alles begann, hast deinen Kurs verloren und bist im Nirgendwo. Dann hältst du strikt einen Kurs, um hoffentlich irgendwann wieder Land zu sehen. Aber oft gibst du das Schiff einfach auf.“

Den Song nach Hause bringen

Aber manchmal findet Koreless auch den richtigen Kurs und bringt den Song nach Hause. „Agor“ kann mit spektakulären Höhepunkten aufwarten wie „Joy Squad“, dem einzigen Track mit einem halbwegs tanzbaren Rhythmus, meistens verzichtet er völlig auf Beats. Wie er hier die Gesangsamples aufhackt und neu zusammensetzt, wie er immer wieder einen neuen Plot-Twist einbaut, dann weiß man, warum der Mann jahrelang verschwunden war.

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Koreless - Joy Squad (Official Lyric Video) | Bild: Koreless (via YouTube)

Koreless - Joy Squad (Official Lyric Video)

Oder das überwältigende „Black Rainbow“, wenn sich die hypnotische Hookline sofort im Gehörgang verankert und Lewis Philipps genüsslich die Drama Queen gibt. Wenn man Koreless etwas ankreiden wollte, dann am ehesten seine fast Enya-haften Ausflüge in Herr-der-Ringe-Gefilde, wenn er das Drama nicht immer hundertprozentig zu dosieren weiß, und sein Hang zur barockhaften, digitalen Kammermusik überhandnimmt. Das Rezept von Koreless wurzelt nun mal im Dubstep, wie der Waliser erklärt: „Es gibt diesen Ethos im Dubstep, die Musik räumlich zu sehen und Klänge wie ein Architekt einzusetzen. Viele Dubstep-Tracks erinnern mich an die Musique Concrète der französischen Elektronikpioniere aus den 1970er Jahren. Das ist der gleiche Ansatz. Wenn ich abmische, denke ich immer noch in architektonischen Mustern. Das ist definitiv ein Dubstep-Ding, es ist einfach geniale Musik.“

Klangarchitektonisches Ausrufezeichen

„Agor“ klingt ein bisschen wie die Schnittmenge aus den einflussreichsten Produzenten der letzten Jahre: Four Tet, Caribou, Holly Herndon, Burial, Jlin oder Sophie. Sie alle scheinen hier und da anzuklingen, und doch gelingt Koreless ein ganz eigener Stil. Das Debüt ist nun geschafft, ein klangarchitektonisches Ausrufezeichen.