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Album der Woche: "No Home Record" Warum leise, wenn's auch laut geht: Kim Gordon ist die Queen of Cool

Kim Gordon war immer schon Role Model. Selbstbewusst und kompromisslos. Nun veröffentlicht sie mit 66 Jahren ihr erstes Soloalbum - acht Jahre nach der Auflösung von Sonic Youth. Es ist großartig!

Von: Roderich Fabian / Interview: Marcel Anders

Stand: 15.10.2019

Wenn sich eine bekannte Band auflöst, hat das meist eine Reihe von Soloplatten zur Folge, weil die einzelnen Mitglieder endlich einmal kompromisslos machen wollen, was sie wollen. Sonic Youth wurden bereits 2011 aufgelöst. Die Ex-Bandmitglieder Thurston Moore und Lee Ranaldo haben sehr schnell danach ihre Solowerke geliefert. Bassistin Kim Gordon hat sich da mehr Zeit gelassen, hat das Gitarren-Projekt Body/Head vorangetrieben und sich wieder der bildenden Kunst zugewandt. Nun also das erste Soloalbum.

„No Home Record“ - der Titel des Albums bezieht sich auf „No Home Movie“, den letzten Film der großen belgischen, feministischen Regisseurin Chantal Akerman. Es ist die Dokumentation eines Gespräch mit ihrer Mutter, gedreht in deren Wohnung - aber eben keine ausbeuterische „Homestory“, sondern ein Austausch darüber, wie sich die Lebensbedingungen von Frauen verändert haben. „Home“, zuhause - was bedeutet Kim Gordon dieser Begriff? „Zuhause ist dort, wo Leute, die dich am längsten kennen, Zeuge davon geworden sind, was du alles erlebt hast. Aber Zuhause hat auch irgendwie mit Technologie zu tun: Die Menschheit glaubt ja stark daran, dass Technik uns weiterbringt, Automatisierung wird das Leben besser machen, denken sie. Das erscheint mir zweifelhaft. Manche gute Idee gerät außer Kontrolle - und ich finde, genau das passiert momentan in ganz vielen Bereichen“, erklärt sie im Zündfunk-Interview.

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Kim Gordon - "Hungry Baby"(Official Video) | Bild: Matador Records (via YouTube)

Kim Gordon - "Hungry Baby"(Official Video)

Diskurse der Gegenwart

Kim Gordon beschäftigt sich auf „No Home Record“ mit Phänomenen der Gegenwart. Die Single „Air BnB“ beschreibt Details von Wohnungen, die man über diese Plattform anmieten kann. Mit seinen Gitarren-Eruptionen ist der Song noch am nächsten dran am Sound ihrer ehemaligen Band Sonic Youth. Inhaltlich geht es um die Selbstdarstellungen der Vermieter. Aber Kim Gordon verurteilt sie nicht, sie sieht sich hier eher als eine Beobachterin: „Ich habe in ein paar Air BnBs übernachtet. Aber noch mehr interessiert es mich, online diese Angebote durchzublättern: Das sind ja kleine Innenlandschaften, die designt werden, damit alles irgendwie zusammenpasst. Die repräsentieren eine kuratierte Umgebung, in die andere vor ihrer eigenen Geschichte fliehen können.“

„Sketch Artists“ handelt von den vielen Obdachlosen, die inzwischen an den Straßenrändern ihrer neuen Heimat Los Angeles ihre Zelte aufgeschlagen haben, so dass man das Gefühl hat, ihre Privatsphäre zu verletzen, wenn man an ihnen vorbeifährt. Musikalisch verpackt ist das in eine elektronische Noise-Attacke. In „Hungry Baby“ kehrt Kim Gordon zum Rock’n‘Roll zurück, aber auch hier geht es um relevante Diskurse: „Es ist eine Hommage an die Stooges und ihren Song ‚1970‘. Der Rhythmus ist ziemlich genau der gleiche. Aber mein Song verhandelt sexuelle Belästigung vom Standpunkt des Mannes aus. Er ist der Belästiger.“

No Pop Record

Kim Gordon sagt im Interview, sie habe nie bewusst ein Soloalbum geplant, es habe sich halt so ergeben. Aber es ist das ultimative Soloalbum geworden mit seiner Mischung aus Laut und Leise, Attacke und Zweifel, Beschreibung und Agitation. Man hätte das Ganze auch „No Pop Record“ nennen können, denn Kim Gordon macht keine Zugeständnisse. Nichts ist hier je gefällig. Sie bleibt die autonome Künstlerin als die wir sie seit den frühen 80ern schätzen.

„Wahrscheinlich hört man Dissonanzen und Beats, die eher mit Rap und Trap Music zu tun haben. Als Nicht-Sängerin fühle ich mich Rappern verwandt. Aber ich wollte keine Rap-Platte machen. Mir hat nur der Gedanke gefallen, Songs schichtweise zusammenzubauen. Dafür braucht man keine Musikerin zu sein. Irgendwie ist es Punkrock“, erklärt Kim Gordon.


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