Bayern 2 - Zündfunk


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"Sundowner" Wer bei Kevin Morbys neuer Platte nicht sentimental wird, hat nie gelebt!

Eine akkustische Rückkehr nach Mid-West, wo es Sonnenuntergänge und Four-Track-Recorder gibt. Bei Kevin Morby klingt das wie immer verlässlich herzzerreißend und trotzdem lakonisch cool. Ein bisschen J.J. Cale, ein bisschen Bruce Springsteen. "Sundowner" ist das sechste Solo-Album von Morby, Bassist und Sänger der Bands "The Babies" und "Woods".

Von: Angie Portmann

Stand: 19.10.2020

Kevin Morby, Sundwoner Cover | Bild: Dead Oceans

"There’s a campfire inside my soul" singt Kevin Morbys über sein innerstes Lagerfeuer. Ein schönes Bild für einen, der sinniert, zurückblickt und sich in dem Song "Campfire" an seine toten Freunde erinnert. An die mit 28 Jahren an Krebs gestorbene Jessi Zazu, Sängerin der Alternative Country-Band Those Darlins, "so pretty and so sweet", deren Songs ihn immer schier umgehauen haben. Oder an Richard Swift, der das Album "City Music" von Kevin Morby produziert hat. Oder an seine Jugendfreunde Jamie und Desi, denen Morby ebenfalls einen Song gewidmet hat.

Erinnerung an tote Freunde

Aber der vielen Toten auf diesem Album zum Trotz verbreiten die Songs eine angenehme Wärme, lodern sanft wie ein Lagerfeuer in einer kalten Nacht. So lo-fi und intim wie das alles klingt, könnte man meinen, man habe es mit einer typischen "Lockdown-Platte" zu tun. Aber der Eindruck täuscht. Kevin Morby hat schon im Winter 2017 begonnen mit den ersten Aufnahmen für dieses Album.

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Kevin Morby - Campfire (Official Video) | Bild: KevinMorbyVEVO (via YouTube)

Kevin Morby - Campfire (Official Video)

Rückkehr in die Heimat

Die Kuhglocken läuten sanft im Hintergrund. Und sind es Eulen, die da zu hören sind? Wir befinden uns im Mittleren Westen Amerikas. Dort, wo Morby aufgewachsen ist: in der Nähe von Kansas City, Missouri, zwischen endlosen Getreidefeldern und imposanten Steinformationen. An den Ort zurückzukehren, vor dem man in jungen Jahren geflohen ist, das lässt in der Regel keinen kalt. Hinter jedem zweiten Eck lauert eine Erinnerung, Gefühle, die wir schon lange glaubten, begraben zu haben, ploppen plötzlich auf. Morby hat sich den Geistern der Vergangenheit gestellt, ruhig und andächtig floatet er durch die ländliche Idylle. Die nächste Großstadt ist weit entfernt, New York und Los Angeles sowieso.

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Kevin Morby - Don't Underestimate Midwest American Sun (Lyric Video) | Bild: KevinMorbyVEVO (via YouTube)

Kevin Morby - Don't Underestimate Midwest American Sun (Lyric Video)

Lakonische Sonnenuntergänge

Da sitzt Kevin Morby also allein in seinem Haus im Mittleren Westen und singt uns den "Sundowner". Wobei, so einsam war Morby gar nicht. Wochenlang war seine damals noch junge Liebe, seine neue Freundin Katie Crutchfield alias Waxahatchee zu Besuch. Man sieht sie in den Videos zu seinem Album, mal mit wehendem Haar im hellblauen Ford Pick Up, mal zusammen mit Morby Faxen machen und sich verliebt in die Augen schauen.

Aber sobald die Sonne unterging, wurden beide melancholisch. Deshalb nannten sie auch sich und die Songs, die in dieser Zeit entstanden "Sundowner". Wunderschöne, kontemplative, sehr persönliche Songs. Songs auf und für die Einsamkeit und die Liebe, aufgenommen mit einem Four-Track-Recorder. Ähnlich dem analogen Equipment, mit dem Bruce Springsteen 1984 sein großartiges Album "Nebraska" aufgenommen hat. Damit ließen sich auch so flüchtige Songskizzen wie "Brother, sister" oder das Instrumental "Velvet Highway" einfangen.

Da Morby 2018 allerdings noch auf Tour gehen musste mit "Oh my god", blieben die "Sundowner"-Songs fürs erste im Schrank. Erst als die Isolation nicht mehr freiwillig war, hat Morby sie fertig produziert. So gesehen ist "Sundowner" dann doch das perfekte "Quarantäne"-Album. Und wer weiß, vielleicht brauchen wir Kevin Morby und seine tröstenden Worte ja demnächst noch dringend.


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