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Album der Woche: "Vergifte Dich" Hey, ihr Melancholiker, Romantiker und Hypomaniker - Isolation Berlin sind nun endgültig eure Lieblingsband

Bedeutungsloser Sex, Kotzen in der U-Bahn-Station, Anstehen am Pfandflaschenautomaten: Das Leben in Berlin ist rau und immer ein bisschen egal. Von niemandem wird es derzeit besser besungen als von der ungestümen Band Isolation Berlin auf ihrem neuen Album "Vergifte Dich".

Von: Noe Noack

Stand: 26.02.2018

Oh je, bitte nicht schon wieder selbstmitleidige Künstler aus der armen, aber sexy, Indie-Welthauptstadt Berlin. Isolation Berlin sitzen in Eckkneipen oder in der U-Bahn, wissen nicht wohin, haben keinen Peil, Hauptsache Ekel vor der Welt und vor sich selbst. Hauptsache irgendein Projekt am Start und große Klappe. Manisch und gleichzeitig depressiv unterwegs im Großstadt-Dschungel. Bitte verschont mich, dachte ich, als ich sie vor zwei, drei Jahren im Netz entdeckte. Verschont mich mit dem vertonten Lebensgefühl junger Bohemians, die ihren Hunger nach der Berliner Luft längst abgegeben haben an der Garderobe der Berliner Volksbühne, in der Bar25, im Berghain oder im White Trash.

Auf den Spuren von Element Of Crime in der U-Bahn des Grauens

Schwermut Forrest und Ökohölle Prenzlauer Berg, einen Kaffee Latte bitte. Herr Lehmann revisited, auf den Spuren von Element Of Crime in der U-Bahn des Grauens. "Und aus den Wolken tropft die Zeit" - nee, nee, aus den Rillen tropft das Selbstmitleid, pumpt und schiebt die Egomanie, muss es heißen. Aber dann - plötzlich - hatte ich Feuer gefangen und es ging mir ein Licht auf! Es fährt ein bipolarer Zug vom Anhalter Bahnhof nach Nirgendwo und im Speisewagen schreit der Oberkellner: "Vergifte Dich" ein Drei-Gänge-Menü, nur heute und für lau. Und Tobias Bamborschke schreit zurück: "Leck mich doch am Arsch!"

"Ich war schon überall, hab alles schon erlebt", nölt Bamborschke in der ersten Single-Auskopplung "Kicks". Der Sänger und Texter der Band stolpert durch die Kulissen, taumelt zwischen völliger Teilnahmslosigkeit und Angriffslust. Hier hat sich einer verändert, hat gleich mehrere, letzte Strohhalme ergriffen und mit Schreiben, Schreien und Musik seine bipolare Störung einigermaßen gezähmt. Solange halt, bis das ungesunde, überdrehte Leben in "Indie-City" wieder vorbeikommt und der ganze Mist von vorne los geht. Bei "Kicks" grüßen die Deutsch-Amerikanische-Freundschaft und Primal Scream: Körperlicher und zwingender als bisher klingt das alles, irgendwo zwischen New Wave, No Wave und Post-Punk. Isolation Berlin halten ein Schild hoch mit der längst bekannten Parole: "Verschwende Deine Jugend" – dreckig geht es uns so oder so. Aber im nächsten Moment sind sie schon wieder zu schwach und zu matt, um das Schild nochmal in die Luft zu recken. Alles egal. So egal. Die Berliner Nacht hat sie wieder und alles versinkt im dreckigen Neuschnee des Asphalts.

Der Existentialisten-Chic huscht durchs Bild

Tobias Bamborschke schreibt einfach schöne Alltags- und Kneipenlyrik. Ein bisschen klingt er wie der uneheliche Sohn von Sven Regener und Nick Cave. Und auch der Existentialisten-Chic aus dem Berlin der späten 70er und frühen 80er huscht durchs Bild. Der komplexe Song "Melchiors Traum" dann eine Großtat in punkto Abstraktion und Wagnis, einer meiner Favoriten.

Albumcover "Vergifte Dich"

Das Album "Vergifte dich" verdichtet sich Song um Song, Kunstlied um Kunstlied zu einem Album, das versucht, uns Hörer, nicht zu nahe ran zu lassen. Aber genau das ist es, was uns Melancholiker, Romantiker, Idealisten und Hypomaniker so fasziniert und uns umso heftiger am Kragen packt. Nähe und Distanz, Arschtritt und Umarmung. Nein, Isolation Berlin machen es uns und sich selbst nicht leicht. Aber wer will schon leicht?


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