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Album der Woche: "Joy as an Act of Resistance" Warum die IDLES die verdammt nochmal wichtigste Band der Stunde sind

Die Tätowierstudios werden in Zukunft öfter mit den IDLES zu tun haben: die Punk-Band aus Bristol haut auf ihrem neuen Album "Joy as an Act of Resistance" wieder Slogans raus, die sich mindestens ins Hirn und bei manchen sogar in die Haut fräsen werden. In Zeiten von Brexit und Debatten über Rassismus und "toxic masculinity" zeigen sie Haltung, aber auch Gefühle.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 10.09.2018

Als ich zum ersten Mal die IDLES gehört habe, hat es mich umgehauen, wie schon lange nicht mehr. Als Musikjournalistin kann man ja nie neutral über Musik berichten. Weil Musik einen im besten Fall berührt, auf welche Art auch immer, jeden anders. Bei den IDLES hat es sich angefühlt wie zum ersten Mal Verliebtsein. Eine Amour Fou zu brachialem Sound.

Die IDLES kommen aus Bristol und machen den mitreißendsten Punk, den man gerade zu hören kriegt. Harte, rohe Gitarrenriffs, bedrohliche Bassläufe und ein Schlagzeug, das so auf einen einprügelt, dass man nicht genug davon kriegt. Dazu Sänger Joe Talbot, der oft gar nicht wirklich singt, sondern dir Slogans entgegenschleudert. Sarkastische, scharfe Slogans wie im Song "Samaritans", in dem es, wie Talbot sagt, um diese Krankheit in unseren Köpfen geht. "Steh deinen Mann / Kopf hoch / Nicht weinen!" bellt er da. Wer das befolgt, ist ein richtiger Mann. Aber Joe Talbot macht da nicht mehr mit. Ihn hat das kaputt gemacht. Und in den Selbsthass getrieben.

Homophobe, Vollidioten, Brexit-Befürworter

Die viel diskutierte "toxische Männlichkeit" ist eines der Themen auf "Joy as an Act of Resistance", dem neuen Album der IDLES. Aber alle kriegen sie ihr Fett ab: Homophobe, Vollidioten und Brexit-Befürworter. Nicht von oben herab, sondern mitten in die Magengegend. Die Mitglieder der IDLES hatten und haben selbst auch mit genügend Problemen zu kämpfen: Drogen, Alkohol, Wut und Schmerz. Aber sie schaffen es, das alles durch ihre Musik in etwas Positives, Kathartisches und am Ende auch Lebensbejahendes umzuwandeln. So traurig auch die Umstände sind.

Sänger und Texter Joe Talbot hat schon einiges mitgemacht. Er hat jahrelang seine schwerkranke Mutter gepflegt. Ihren Tod verarbeitete er 2017 auf dem Debütalbum "BRUTALISM", es ist eine Abrechnung geworden mit dem maroden britischen Gesundheitssystem, das er für überlebenswichtig hält. Auf dem neuen Album singt er im Song "June" über die nächste Tragödie: seine Tochter wurde letztes Jahr tot geboren. Gerade als es mit der Band endlich so richtig gut lief. "Was meine Partnerin und ich durch den Verlust unserer Tochter gelernt haben, ist, dass wenn etwas Schlimmes passiert, die Welt sich trotzdem weiter dreht", erklärt er im Interview. "Du erwartest, dass sich alle nach dir umdrehen und dich umarmen, aber die Welt dreht sich weiter. Natürlich gibt es Menschen um dich herum, die dich lieben und die sich um dich kümmern werden. Aber alles andere geht weiter. Das Album sollte nicht von mir handeln, sondern von uns als Band und als Menschen. Es soll unsere Rollen als Menschen erforschen, damit wir bessere Bürger, Freunde, Liebhaber und Künstler werden können."

Das Motto der Band: "ALL IS LOVE"

Albumcover "Joy As An Act Of Resistance"

Vielleicht kann die Musik der IDLES die Welt tatsächlich ein bisschen besser machen. Bei mir zumindest funktioniert es. Es ist eine unbeschreibliche Energie, die von dieser Band ausgeht. Ein Gefühl von Gemeinschaft, das in diesen Tagen nötiger ist denn je. Die Hymne dazu ist der Song "Danny Nedelko", benannt nach dem Sänger einer befreundeten Band aus Bristol – einem ukrainischen Einwanderer. Die Message ist so simpel wie das Motto der Band "ALL IS LOVE": Wir sind alle Danny Nedelko. Wir sind alle Menschen und müssen zusammenhalten. Das klingt alles fürchterlich romantisch. Aber was bleibt einem auch anderes übrig? Dem Zynismus keine Chance geben. Joy as an Act of Resistance.


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