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"For The First Time" Die Rettung! Fans feiern Black Country, New Road wie einen singenden AstraZeneca-Impfstoff

Es ist der erste Hoffnungsschimmer in 2021, die Ahnung eines Neubeginns: Seit Monaten warten Fans auf das Debütalbum von Black Country, New Road. Jetzt ist "For The First Time" endlich da. Und die Musikwelt feiert das Londoner Septett. Tobias Ruhland findet: mehr als berechtigt! Und ist Sänger Issac Wood nicht sogar sowas wie der Jim Morrison des Brexit-Zeitalters?

Von: Tobias Ruhland

Stand: 08.02.2021

Gehen wir jetzt einfach mal davon aus, dass das ECHTE Menschen sind, die mit ihren hysterisch-euphorischen Statements die Kommentarspalten zu den Videos von Black Country, New Road zu einem Highway der irrwitzigen Superlative planieren. Fans schreiben und schwärmen über den Sänger und Songschreiber Isaac Wood, als wäre er ein singender AstraZeneca-Impfstoff, ein Erlöser, der erste Hoffnungsschimmer in 2021, der Jim Morrison des Pandemie-Brexit-Zeitalters:

Es soll jetzt nicht dramatisch klingen, aber ich würde sofort meinen Erstgeborenen gegen das Debütalbum eintauschen.“
Warum ich diesen Song liebe: Weil es sich anhört wie eine Panik-Attacke, aber ich kann nicht aufhören.
Ich mag es, wenn die Musik zu Wahnsinn verschmilzt!“

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Black Country, New Road - 'Science Fair' (Official Video) | Bild: Black Country, New Road (via YouTube)

Black Country, New Road - 'Science Fair' (Official Video)

Stream of Consciousness

Was also macht Sänger Isaac Wood? Er ist ein Skizzen-Freak, tippt den ganzen Tag Gedanken und Beobachtungen in sein Handy und verwebt das alles zu einem Stream of Consciousness-Teppich. Du denkst, Du erkennst darin ein Muster? Träum weiter! Im Song „Science Fair“ wimmert Wood uns, was vor von verkorksten Begegnungen im Cirque du Soleil und auf einer Wissenschaftsmesse: „Es tut mir leid. Ich war schon immer ein Lügner. Glaub du nur, ich hätte die Messe in Würde verlassen können. Ich floh von der Bühne mit der zweitbesten Slint-Coverband der Welt.“

Pop-Zitate schleudern

Das machen Black Country, New Road fast als hätten sie ein Fan-Tourette: ihre musikalischen Referenzen brühwarm beim Namen zu nennen, wie hier die 80er-Jahre-Postrock-Band Slint. „Musikalisch haben wir haufenweise Referenzen drin, und das kombinieren wir dann mit Dingen, die wir lustig oder sehr gut finden. Das alles landet in einem Topf, aus dem dann ein Kuchen wird. Der Kuchen ist die Musik und der Topf ist die Band“, so Isaac Wood.

Und der Backofen wäre dann – um jetzt im Bilde zu bleiben – der Londoner Live-Club Windmill im Stadtteil Brixton. Schon mehrmals zu den besten Konzertlocations der Insel gewählt und seit einigen Jahren eben auch Nährboden für herrlich ungestüm unberechenbare Bands wie Fat White Family, Black Midi oder eben auch Black Country, New Road, so erzählt es Keyboarderin May Kershaw: „The Windwill war ein wichtiger Zugang für uns in den frühen Tagen, als wir nach London kamen. Leute können da ohne weiteres zum Kurator und Veranstalter werden, was für junge Bands ja vielerorts sehr schwierig ist. Jeder hilft jedem, es gibt keine Rivalität im negativen Sinn. Es gibt einen leichten Druck, weil wir uns so unglaublich verbunden fühlen durch Orte wie The Windmill.“

Zehnminütige Song-Monster

Der leichte Druck hilft: Wenn im Stück „Sunglasses“ nach sieben Minuten dieses hypnotische Saxophon-Violin-Rock-Staccato einsetzt, dann hat das insgesamt zehnminütige Song-Monster bereits gefühlt zwölf Haken geschlagen: warmes Gitarrenzupfen, Spoken Word-Einlagen, cooles Folk-Gefiedel und Verzweiflungs-Freejazz. 

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Black Country, New Road - Sunglasses | Bild: Black Country, New Road (via YouTube)

Black Country, New Road - Sunglasses

ADHS-Schalter auch mal auf off stellen

Und wem das alles zu viel ist, was sollt dann Sänger Isaac Wood sagen? Der packt diese ganze Reizüberflutung nicht mehr – aber er hält dagegen: Ich bin unbesiegbar mit meiner Sonnenbrille, raunt er sich selber Mut machend zu, ich bin ein moderner Scott Walker. Ich bin Fonzie, ich bin ein Herzbube. Und er kann den ADHS-Schalter auch mal auf off stellen - wie bei „Track X“, der Nostalgie-Liebes-Kammerpop-Ballade auf „For the first time“.

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Black Country, New Road - 'Track X' (Official Video) | Bild: Black Country, New Road (via YouTube)

Black Country, New Road - 'Track X' (Official Video)

God save the guitarband

Was die Zukunft von Black Country, New Road angeht, well, denen ist beim momentanen Hype sogar ein Durchmarsch auf Tiktok zuzutrauen. Klar, mit Zehn-Minuten-Song-Riemen auf einer Plattform punkten, die auf 15-Sekunden-Aufmerksamkeitspanne ausgerichtet ist – das ist ambitioniert. Aber: Ein Skateboard bastelnder Influencer hinterlegt dort bereits seine Videos mit Musik von Black Country, New Road. Und ein Teenager sammelt Likes, weil er bei der Tiktok-Challenge „Welches nicht-sexuelle Geräusch turnt dich an?“ mit dem Gitarrenlauf von „Sunglasses“ von Black Country, New Road geantwortet hat.

Unser Album der Woche „For the first time“ also ein vertontes Aphrodisiakum? Vielleicht auch das. Großbritannien mögen zwar Corona- und Brexit-bedingt die Pappkartons ausgehen, die spannenden Gitarrenbands haben sie jedenfalls offensichtlich noch reichlich vorrätig.


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