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"Loveless" als Reissue Auf dem Jahrhundert-Album schweben My Bloody Valentine zwischen zerbrechlicher Schönheit und brutalem Lärm

Mit einem radikalen Sound veränderte das Album "Loveless" der irischen Band My Bloody Valentine die Musikwelt, als es im November 1991 erschien. Radiohead, Nine Inch Nails oder die Smashing Pumpkins - sie alle beziehen sich musikalisch auf die Band. Nach fast 30 Jahren wurde nun der gesamte Backkatalog von My Bloody Valentine überarbeitet und neu aufgelegt. Auch "Loveless".

Von: Noe Noack

Stand: 20.04.2021

Das Album-Cover von "Loveless" von My Bloody Valentine | Bild: Scr (Sony Music)

So wie "Only Shallow", der Opener von "Loveless", so klang 1991 die Zukunft des Pop. Er überwältigte einen sofort. Er verschob den Blick auf die Realität und versetzte Hörer in einen Zustand, ein Gefühl: Zärtlich, fragil und trotzdem brutal. Zuckersüß und essigbitter, ganz nah und zeitgleich ganz weit weg. Die Orientierung ging sofort verloren: Wo war oben, wo unten, wo vorne und wo hinten? Wie hatten My Bloody Valentine nur diesen Sound hinbekommen? Das fragten sich Fans, Kritiker und Musikerkollegen. Die Antwort: Mit dem Rückwärtshall-Gitarreneffektgerät Reverse Reverb.

Gleichzeitig ganz nah und doch ganz weit weg

Kevin Shields, der musikalische Kopf von My Bloody Valentine hatte 1987 in einem Interview gelesen, dass Bob Mould von Hüsker Dü mit diesem Effektgerät arbeitete. Die ersten Versuche damit waren unspektakulär. Erst ein Jahr später fand Kevin Shields im Aufnahmestudio eher zufällig seine Sound-Handschrift – und Obacht, jetzt wird es leicht nerdig: "Ich habe den Effekt einfach zu 100 Prozent aufgedreht. Dadurch war plötzlich der Original-Gitarrensound weg. Dann hab ich den Ton auf meiner Gitarre aufgedreht - und Wow! Das klang wie zusammengeschmolzen. Und mit dem Vibrato-Hebel an der Gitarre konnte ich den Sound dann wie am Tonband bearbeiten. Fast, als wären es Samples. Es hat sich für mich gar nicht mehr so angefühlt, als ob ich Gitarre spielen würde. Ein faszinierender Effekt: Gleichzeitig ganz nah und ganz weit weg. Und nach genau dieser Nähe hatte ich gesucht."

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My Bloody Valentine - Only Shallow (Official Music Video) | Bild: UPROXX Indie Mixtape (via YouTube)

My Bloody Valentine - Only Shallow (Official Music Video)

Herrlich eiernde Gitarrenspuren und Lärm, der ganze Wände errichtet: "Loveless" verweigerte sich radikal den Hörgewohnheiten. Keine sich einschleichenden Refrains, stattdessen Soundschleifen durch Raum und Zeit, eine Musik der reinen Empfindung. Die Stimmen werden auf dem Album wie weitere Soundquellen eingesetzt. Bloody-Valentine-Gitarristin und Sängerin Bilinda Butcher haucht entrückt wie ein Engel auf einer Wolke. Ursprünglich hatten die Creation-Labelbosse Alan McGee und Dick Green fünf Tage für die Aufnahmen veranschlagt. Nach zwei Jahren Produktionszeit flehten sie Kevin Shields an, doch bitte endlich das fertige Album abzuliefern. Der hatte sich zu einem verrückten Studio-Professor entwickelt, der manisch und im Alleingang an seiner Vision arbeitete, der Samplingtechniken von Hip Hop Bands wie Public Enemy studierte und perfektionistisch monatelang an Soundfiltern tüftelte. Bassistin Debbie Googe und Schlagzeuger Colm Ó Cíosóig werden zwar auf dem Innencover aufgeführt, finden aber auf "Loveless" fast nicht statt. Kevin Shields nutzte stattdessen kurze, von seinem Schlagzeuger im Vorfeld eingespielte Drum-Loops.

Die Produktionsgeschichte von "Loveless" - eine Art entrückte Odyssee

Als "Loveless" endlich fertig war, hatten My Bloody Valentine eine Odyssee durch 19 Studios hinter sich. Allein 16 Toningenieure wurden verschlissen und Kevin Shields sowie Bilinda Butcher kämpften mit den Nerven und mit Tinnitus. Der Melody Maker schätzte die Produktionskosten auf 250.000 Pfund und Creation Boss Alan McGee war nach eigenen Aussagen beinahe bankrott. Kevin Shields erklärte dagegen, die Ausgaben wären niemals so hoch gewesen und einen großen Teil davon hätte die Band zudem selbst getragen. McGee hätte seinen enormen Kokainkonsum in die Produktionskosten miteingerechnet und die Geschichte von den Unsummen allein zu Promo-Zwecken gehyped. Kurz nach der Veröffentlichung setzte Alan McGee die Band vor die Tür. Natürlich konnte "Loveless" die Produktionskosten nie einspielen, aber das Album beeinflusste die Musikwelt gewaltig.

Eine zarte Popmelodie unter tonnenschweren Soundschichten - angetrieben von einem hypnotischem Madchester-Groove. Kevin Shields wandelte bei den Aufnahmen auf den Spuren von Brian Wilson und Syd Barrett. "Loveless" wurde das Meisterwerk des Shoegazing. Nur Kevin Shields konnte damals mit dem Begriff noch nicht viel anfangen: "Als wir 'Loveless' abmischten, kam der Begriff 'Shoegazing' in den Medien richtig hoch. Einer der Toningenieure hat uns einen Haufen Shoegazers genannt und wir fanden das witzig, wir ließen ihn weitermachen. Aber am Ende war es dem Typen peinlich. Er hatte herausgefunden, dass es eigentlich ein abfälliger Begriff war. Er dachte, er hätte uns damit ein Kompliment gemacht, wie 'ihr verrückten Fuckers'." Nun. Vielleicht ist das Wort 'Shoegazer' ja auch wirklich viel zu klein für dieses Meisterwerk, das 30 Jahre später noch spielend die Zeit überdauert.


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