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Album der Woche: „Andorra" Fatoni setzt auf „Andorra" auf persönliche Geschichten - nicht auf Parolen

Auf seinem neuen Album ist Fatoni weniger politisch. Dafür lernen wir ihn jetzt mit Mitte 30 richtig kennen. Er outet sich als Beatles-Fan, spielt Gitarre, rappt über seine Kiffer-Jugend und darüber, wie man mit Freunden umgeht, die politisch abdrehen.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 11.06.2019

Sehr lange war er sehr gut im Mauern bauen, Mauern aus Ironie und Sarkasmus. Rapper Fatoni hat sich die letzten Jahre aber bemüht, Stein für Stein dieses Mauerwerks aufzulösen. Und jetzt, mit seinem neuen Album „Andorra“, öffnet er sich seinen Fans: Er spielt Gitarre, er erzählt von seiner Kindheit und er zeigt sich als unglaublicher Beatles Fan. Vor allem von Paul McCartney. Dieses Vorbild teilt Fatoni ausgerechnet mit Erfolgsproduzent Dieter Bohlen, dem er, zusammen mit Tristan Brusch, den Song „D.I.E.T.E.R.“ widmet. Allerdings, Fatoni will die Melodien, Dieter Bohlen den Umsatz. Klar, manchmal beides geht Hand in Hand. Wenn Fatoni rappt „Es gibt so Tage an denen wäre ich lieber Dieter Bohlen, hätte ein Rezept und würd es immer wieder wiederholen“,dann tut er das tatsächlich. Denn auf dem Vorgängeralbum „Yo, Picasso“ hat er noch den Song „Mike“ – gewidmet seinem Idol Mike Skinner aka The Streets – und wiederholt eben auch dieses Rezept einfach noch einmal mit Dieter Bohlen als catchy Hit.

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Fatoni - Clint Eastwood (prod. Dexter) | Bild: Fatoni (via YouTube)

Fatoni - Clint Eastwood (prod. Dexter)

So wie es hier überhaupt wirklich viele ausgesprochen eingängige Hooks gibt. Das ist für Fatoni-Verhältnisse nicht neu, aber diesmal sind die Hooks nicht einfach der erleichternde Mitsing-Part von Songs. Die früher typischen, politischen Fatoni-Songs fehlen auf diesem Album. Und das war so geplant, sagt Fatoni: „Ich fänd‘s auch super unspektakulär, wenn Fatoni 2019 mit einem Anti-AfD-Song um die Ecke kommt. Wenn ich ehrlich bin – wahrscheinlich mach ich mir mega viele Feinde - finde ich es auch unnötig. Weil die Fronten sind klar. Deswegen sind da einzelne Lines drin. Das sind dumme Vergleiche, aber das ist mir auch lieber, so 'Mein Rap ist Killer wie Dessauer Bullen'."

Und weil die Haltung von Fatoni klar ist, muss nichts langwierig hergeleitet werden, was als Popsongs doch meistens nur eine selbst herbeigeführte Vereinfachung von gesellschaftlichen Verhältnissen ist. Es gibt keine Parolen, stattdessen persönliche Geschichten.

Auf „Andorra" ist das Persönliche politisch

Der Song „Nein Nein Nein Nein Nein Nein“ – das titelgebende Sample stammt aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ und ist nicht etwa Gerhard Polt sondern der als Hitler schreiende Martin Wuttke - beginnt wie ein klassischer Raptrack. Es geht darum, wie es als Teenager so war: Abhängen, Kiffen, die frühen deutschen Rapper Hören. Nur dass es eigentlich um einen alten Freund von Fatoni geht, der sein Weltbild bis heute so simpel erhalten hat und nun Verschwörungstheorien Glauben schenkt. Bei dem biografischen Anfang des Songs kann man diese Bedeutung zwar überhören, aber lieber das, als schon wieder einen eindeutigen Song genau über dieses Thema zu schreiben, das Fatoni schon öfter beackert hat: „Ich wollte jetzt auch biografischer und persönlicher an die Platte herangehen, aber trotzdem so Themen behandeln. Und ich finde es viel spannender, als sich hinzustellen und zu sagen, 'Verschwörungstheoretiker sind dumm und gefährlich‘ - das haben wir jetzt auch alle schon gesagt. Es geht doch eher darum, zu gucken, wie nah war ich eigentlich dran, was für einen kleinen anderen Weg hätte ich gehen müssen, damit ich jetzt genauso wäre."

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Fatoni - Die Anderen (prod. Dexter) | Bild: Fatoni (via YouTube)

Fatoni - Die Anderen (prod. Dexter)

Wie Fatoni sich hinterfragt, müsste jeder Person bekannt sein, die sich ohne Verschwörungstheorien, ohne Schwarz und Weiß, durch den Alltag navigiert und eigentlich nur versucht, das kleinere Übel in einer sehr komplexen Welt zu sein. Die Frage, wer man ist und wer einen dazu macht, durchzieht das ganze Album „Andorra“, benannt nach dem Theaterstück von Max Frisch. Der Andorra Effekt sagt, grob vereinfacht: Das Individuum verhält sich so, wie es von ihm erwartet wird. Nicht nur: Wer bin ich? Sondern auch: Für wen?  Und wenn man wirklich nur macht was man will, dann hat man in der Konsequenz auch das Recht, sich und den eigenen Körper zugrunde zu richten. Wie im Song Mitch. Darin geht es um eine Münchner Sprüherlegende namens Mitch war, die heroinabhängig war: „Es geht um die Frage, die natürlich auch voll dreist ist - ob die Junkies das richtigmachen. Die würde ich ja gar nicht beantworten wollen, die Frage, auch nicht mit ja. Da würde ja jeder Angehörige von einem Heroinabhängigen zurecht mir auf die Fresse hauen wollen, eigentlich geht‘s auch darum, dass Menschen immer sagen: 'Mach immer das, was dir dein Herz sagt und was du wirklich willst.' Aber anderseits geht man an Junkies vorbei und macht so 'uäh'. Die machen schon, was sie wollen, wahrscheinlich. Auch wenn sie es nicht mehr richtig kontrollieren können."

Fatoni zweifelt hier an sich - und befreit sich damit

Der Prolog zum Album kommt in Form des Openers von Dirk von Lowtzow, dessen Text auf viele Aspekte des Albums bereits anspielt: „Nichts ist so einfach, alles so kompliziert. Fremde Lebensentwürfe hast du schon immer romantisiert. Du sollst nur auf dich selber hören, haben die anderen gesagt."

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Fatoni – Alles zieht vorbei feat. Dirk von Lowtzow (prod. Dexter & Occupanther) | Bild: Fatoni (via YouTube)

Fatoni – Alles zieht vorbei feat. Dirk von Lowtzow (prod. Dexter & Occupanther)

Wer nach wie vor nur den ironischen Fatoni heraushören will, wird mit diesem Album wenig anfangen können und mit dem typischen Achselzucken reagieren: „Tja, Majorlabel, jetzt wird er halt bekannter.“ Aber wer bereit ist, ihm zu glauben, der wird beobachten, wie er sich auf „Andorra“ befreit hat. Und die Zweifel, die Songs über Panikattacken und Depressionen, die Gitarrensongs, den Hook von The Church und das Feature von Reibeisenstimmen-Rapper Casper auf diesem Album schätzen. Jetzt, wo Fatoni so persönlich geworden ist, kann er aber auch nicht mehr zurück. Um es mit Fatonis Worten zu sagen, die Dirk von Lowtzow im Albumopener ausspricht: „Du musst es jetzt auch durchziehen, wo es schon angefangen hat."

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Fatoni über sein Album “Andorra”, geizige Beatles und Dieter Bohlen | Interview | PULS Musik | Bild: ARD (via YouTube)

Fatoni über sein Album “Andorra”, geizige Beatles und Dieter Bohlen | Interview | PULS Musik


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