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Album der Woche: "Rebirth" Die Londoner Rapperin Farai liefert uns eine irdische Dystopie - made in Brexit-UK

Die britische Sängerin und Rapperin Farai hat mit "Rebirth" ein Debütalbum gemacht, das gleichzeitig spröde ist, aber trotzdem Spaß macht. Ist es Post-Punk-Rap? Oder Synthie-Wave-HipHop? Gar Poetry-Grime? Auf jeden Fall ist es großartig und deshalb unser Album der Woche.

Von: Ralf Summer

Stand: 03.12.2018

Die Londoner Rapperin Farai | Bild: Yasmin Akim

Wer nippt denn da an diesem neuen Schaumwein? Im Song "Punk Champagne" verrät Farai ihre private Trink-Mischung: Likörwein mit Prosecco. Schmeckt auch: das Gegensatzpaar "Punk Champagne" ist nicht nur in den Zündfunk Top Träxx Dezember gelandet, es zeigt auch den lyrischen Spagat von Farai Bukowski-Bouquet – der britischen Rapperin und Sängerin mit Wurzeln in Simbabwe. Denn was kann weiter entfernt sein als "Punk" und "Champagner"? Farai ist weder BlingBling noch Punk, sie eigentlich eher Post-Punk. 

Ein Basslauf wie bei "Being Boiled" von The Human League, aber eher im Stolper- Galopp von Suicide: "Love Disease" von Farai ist rumpliger Lo-Fi-Rap – ihre Stimme ist eher nicht black and beautiful, sondern aufgewühlt, im Alarm-Modus. Sie singt von einer "Liebeskrankheit", dem traurigen Gemütszustand als treuestem Begleiter: "Sadness is my best friend". Farai hat tatsächlich Musiktherapie gemacht. Und in dem Kurs hat sie begonnen, Texte und Gedichte zu schreiben.

Ausgrenzung und Armut

Als Farai zwölf war, zog ihre Mutter mit ihr nach politischen Unruhen in Simabwe nach London – heute versteht sich Farai als Teil der afrikanischen Diaspora in England. Elementare Erfahrungen sind Ausgrenzung und Armut. Farai nimmt kein Blatt vor den Mund und geht in "This Is England" die Premierministerin frontal an. "Theresa May, wissen Sie wie es ist, wenn man die Tage und Stunden runterzählt, bis endlich der Scheck kommt? Das ist England! Wo wird das enden? Wer hat Schuld an all dem Scheiss?"

Lieder, die richtig schlechte Stimmung verbreiten, weil sie richtig schlechte Stimmung verarbeiten. Gleich nach "This Is England" kommt der nächste Runterzieher: "National Gangsters". Ein Stück über Drogen in London, Heroin auf den Straßen. Und dem catchy Slogan: "banksters are gangsters" – Banker sind Verbrecher in teuren Anzügen.

Albumcover "Rebirth"

Farai hat viel gesehen. Aber sie hat einen Weg gefunden, mit all dem Elend umzugehen. Seit fünf, sechs Jahren macht sie Musik. Dann wurde sie von NON Worldwide entdeckt, dem Label für neue Elektronik-Spielarten aus aller Welt. Der Berliner Pop-Kritiker Jens Balzer hat NON Worldwide als das derzeit wichtigste Label überhaupt bezeichnet. Auch weil es auf drei Kontinenten sitzt: in Afrika, den USA und in Europa – in London. Das Debüt von Farai kommt nun aber bei einer bekannteren Plattenfirma: "Rebirth" erscheint auf Big Dada – Heimat von Kate Tempest und den Young Fathers.

Eine irdische Dystopie

Am Ende erinnert Farai an einen Außenseiter, für den die ganze Welt ein Unort war. Der Space Jazzer Sun Ra hob in den 70ern mit "Space Is The Place" ab ins All. Farai ändert den Titel leicht ab zu "Space Is A Place" - der Weltraum scheint für diese Afronautin nicht mehr der einzige Fluchtort wie noch vor 30, 40 Jahren in Sun Ras Utopia. Farais Platte ist genau das Gegenteil: irdische Dystopie, made in Brexit-UK. Trotzdem macht unser Album der Woche auch Spaß. Wie heißt ihr Name doch gleich übersetzt? Farai bedeutet "Freude".


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