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"Acts of Rebellion" Wie Ela Minus mit Pop und Techno die Revolution startet

Ela Minus macht Clubmusik, die auch Zuhause funktioniert. Die Kolumbianerin bewegt sich irgendwo zwischen Techno, Pop und Punk. Oft düster, aber immer mit Message. Ihr Debütbalbum „Acts of Rebellion“ ist unser Album der Woche.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 27.10.2020

Das Album beginnt mit einem tiefen Seufzer. Oder schnappt sie nach Luft? Der erste gierige Atemzug, wenn man aus dem Wasser wieder auftaucht? „N19 5NF“ heißt der erste Track auf Ela Minus‘ Debütalbum. Seltsamer Titel, sieht aus wie Koordinaten. Beim Googeln lande ich bei einem Krankenhaus in London, dem Whittington Hospital. Kann das sein? Das frage ich Ela Minus in unserem Zoom-Interview. Ja, erzählt sie, vor einem Jahr sei sie dort im Krankenhaus fast gestorben. Deshalb sollte ihr erstes Album auch genau dort beginnen, an diesem Ort, der für sie einen Neuanfang bedeutet.

Rebellion in jedem Detail

„Acts of Rebellion“ so heißt das Debütalbum von Ela Minus. Im Laufe meines Gesprächs mit ihr stelle ich immer mehr fest: Die Rebellion aus dem Titel steckt in jedem Detail ihres Lebens, sogar gegen den Tod lehnt sie sich auf! Außerdem gegen Autoritäten, den Kapitalismus und den Kolonialismus, der ihr Heimatland Kolumbien seit Jahrhunderten plagt. Die Rebellion steckt für sie in den kleinen Taten im Alltag, mit denen jeder die Welt ein bisschen besser machen kann. Aber nochmal von vorn.

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Ela Minus - el cielo no es de nadie (Official Video) | Bild: Ela Minus (via YouTube)

Ela Minus - el cielo no es de nadie (Official Video)

Gabriela Jimeno, wie Ela Minus richtig heißt, ist mir per Videocall aus Kolumbien zugeschaltet. Nach zehn Jahren in den USA lebt sie gerade wieder bei ihren Eltern in Bogotá. Ihre Kamera lässt sie während unseres Interviews ausgeschaltet. Ich sehe nur einen schwarzen Bildschirm mit dem Namen „Ela“ vor mir. Es passt zu dem Bild, das ich eh immer vor Augen habe, wenn ich ihre Musik höre: Pulsierende Dunkelheit, die einen geradezu verschluckt, wenn man nur laut genug aufdreht.

Düsterer, Pop-verliebter Techno

Ela Minus macht düstereren, aber Pop-verliebten Techno. Die Melodien durchbrechen die Dunkelheit immer wieder. Nicht wie Sonnenstrahlen. Eher wie bunte Blitze, die im Dunkeln erst so richtig leuchten. „No puedo dormir hasta que salga el sol”, singt Ela Minus auf Spanisch im Song “Dominique“. Ich kann nicht schlafen bis die Sonne aufgeht - wie alle anderen. Erst im Dunkeln bin ich ganz ich bei mir.

Ela Minus braucht die Mischung aus Elektronik und Pop, also Melodien und Gesang. Das ist es auch, was die Band Kraftwerk zu einem ihrer größten Einflüsse macht. Wie die Düsseldorfer Avantgardisten hat auch sie ein enges Verhältnis zu Maschinen. Sie liebt ihre Synthesizer. Also wirklich, körperlich, erzählt sie mir im Interview. Sie kennt sie in- und auswendig, kann sie selbst bauen und programmieren. Das war jahrelang ihr Job. Und das hat sie studiert an der renommierten Berklee School of Music in Boston. Da ist sie aber ursprünglich aus ganz anderen Gründen gelandet.

Die totale Außenseiterin

Ela Minus hat mit zwölf angefangen, Schlagzeug zu spielen - in einer Hardcore-Punk-Band in Bogotá. Alle in der Band wollten – so gar nicht Punk-like - später mal auf eine Musikhochschule. Sie hat sich in Boston beworben – und ist genommen worden. Dort kam sie in die Jazzklasse und war als Punk-Schlagzeugerin und eine der wenigen Frauen die totale Außenseiterin. Sie hatte wenig Freunde, außerdem ist Boston Ela zufolge nicht sonderlich spannend. Also hat sie nachts Zuflucht gesucht auf den Tanzflächen der Stadt - und sich in elektronische Musik verliebt.

Einfach machen

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Ela Minus - megapunk | Bild: Ela Minus (via YouTube)

Ela Minus - megapunk

Ela Minus‘ Punk-Vergangenheit kommt immer wieder durch. Klar, im Song „Megapunk“, dieser stampfenden, treibenden Hymne. „You won’t make us stop“ wiederholt sie wie ein Mantra. Sie will die Menschen motivieren aufzustehen, sich zu organisieren, zu demonstrieren. Wer in Kolumbien aufgewachsen ist wie sie, mit den Konflikten zwischen Rebellen und Regierung, dem Drogenkrieg, der wird automatisch politisiert. Aber der Punk steckt auch in ihrem DIY-Spirit. Einfach machen, und vor allem selber machen. Keine Software benutzen, keine Laptops, nur Hardware.

„Acts of Rebellion“ ist dabei aber keine reine Agit-Dance-Punk-Platte. Zwischendurch gibt es sphärische Ambient-Verschnaufpausen und am Ende sogar das ruhig schimmernde „Close“ mit Gastsänger Helado Negro. Der passende Song, wenn die Dunkelheit dann doch mal dem Tage weichen muss.


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