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"New Long Leg" Dry Cleaning beleben den Sprechgesang im Rock wieder, der zu Unrecht lange verschollen war

Es gab sie schon immer, Gesangsverweigerer wie Mark E. Smith oder auch Anne Clark. Nun testet Florence Shaw von Dry Cleaning den Sprechgesang und das Ergebnis ist: anders, frischer, mysteriöser! Ralf Summer nennt es Rock-not-Rock - und ist hingerissen.

Von: Ralf Summer

Stand: 23.03.2021

Die Londoner Band Dry Cleaning | Bild: Hanna-Katrina Jędrosz / 4AD

Florence Shaw verweigert sich nicht nur dem Singen, sie wollte erst auch gar nicht in einer Band sein. Ein ehemaliger Uni-Kumpel hatte die Kunststudentin gefragt, ob sie nicht in seiner Formation mitspielen wolle. Sie lehnte erst ab, um dann eines Tages doch zu den Jungs ins Studio zu schneien – mit einer Stichwort-Zettel-Sammlung. Da die Herren an Bass, Schlagzeug und Gitarre noch mit ihrem Sound beschäftigt waren, ließen sie Florence probieren und genug Platz für ihre Art der Performance.

Sleaford Mods, deren Kollaborateurin Billy Nomates – und nun auch Dry Cleaning: Der englische Guardian führte in einem Artikel auf, wie angesagt „Sprechgesang“ – und sie benutzten dafür das deutsche Wort – sei. Und ziehen historische Parallelen: Schon in den späten 70ern / frühen 80ern gab es Gesangsverweigerer wie Mark E. Smith von The Fall. Aber auch Patti Smith oder John Lydon, als er nach den Sex Pistols PIL gründete, sprachen gerne mal statt zu singen. Doch Florence Shaw hat andere Einflüsse: Anne Clark und die Strokes.

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Dry Cleaning - New Long Leg (Official Audio) | Bild: Dry Cleaning (via YouTube)

Dry Cleaning - New Long Leg (Official Audio)

Leiser Vortrag

Wenn ein Sänger oder eine Sängerin spricht statt zu singen, ist der Vortrag leiser. Da Dry Cleaning bisher nur vereinzelt Konzerte in eher kleineren Clubs spielen konnten, ist die große Frage natürlich: Was wird sein, wenn Corona vorbei ist und die Zeit für größere Hallen für die Band anbricht? Wird man Florence Shaw dann auch noch in der letzten Reihe verstehen? Werden wir uns genervt umdrehen und an der Bar loslabern, weil man Florence nicht gut hört?

Rock-not-Rock

Florence Shaw sagt zum Thema „Sprechgesang“: „Wenn du deine Lyrics sprechend vorträgst, ist das, als ob du deine Texte darstellst, schauspielerst. Es ist subtiler und die Worte kriechen stärker in die Ohren des Publikums.“ Ihre lakonisch vorgetragenen Wortspiele über Neurosen und Müller-Reis, über seltsame Youtube-Kommentare oder eigenartige Begebenheiten des Alltags verstehen auch englisch-sprachige Journalisten nicht wirklich. Sie ergeben auch nicht immer Sinn, sagt Florence. Da ihren Lyrics die Refrains zum Mitsingen fehlen, wird der Rocksound ent-rockt. Analog zum sogenannten Disco-not-Disco-Sound der 80er, der Disco freier und experimenteller machte, könnte man nun von Rock-not-Rock sprechen. Dry Cleaning klingen anders, frischer, mysteriöser.

Produziert von John Parish

Das US-Blog Pitchfork schreibt, dass das Debüt der Band unter denkwürdigen Pandemie-Bedingungen im Corona-gebeutelten London entstand. Jedes Bandmitglied spielte seinen bzw. ihren Demo-Part in ein Vierspurgerät, desinfizierte den Recorder, um ihn dann weiterzureichen – ins Auto der- bzw. desjenigen, der danach mit dem Aufnehmen dran war. Umständlicher und geheimnisvoller geht’s kaum. Gesichert ist hingegen, dass John Parish die Platte produziert hat, bekannt für seine Arbeit mit PJ Harvey, den Eels und Aldous Harding. Und dass „New Long Leg“ seit langem mal wieder ein interessantes Rock-Album der Woche ist. Vielleicht folgt der Rock ja nun der Oper, wo schon seit den Musikdramen Wagners vom „Sprechgesang“ die Rede ist. Auch im Englischen heißt er so und wird mit „spoken singing“ erklärt. Habt ihr geglaubt, dass wir am Ende des Beitrags bei der Sprechstimme, bekannt durch Werke von Richard Wagner, Engelbert Humperdinck oder Arnold Schönberg, rauskommen? Ich auch nicht!


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