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"House Music Box" Warum Geschichtsunterricht mit DJ Hell richtig Spaß macht

Reise in die Vergangenheit: DJ Hell verbeugt sich auf seinem neuen Album vor den House-Music-Gründern Chicagos der 80er, den frühen Clubs und der Black Community.

Von: Ralf Summer

Stand: 30.11.2020

Treibend, trocken und funky legt sie los, die neue DJ Hell. Immer wieder tauchen im Opener “Freakshow” die Samples “Chicago” und “Jack My Body” auf. Nach seinen beiden letzten Alben, die eher eine Verbeugung vor Kraftwerk und dem 70er-Krautrock-Sound waren, ist die neue Platte also ein Tribut an die “Windy City” in den USA, die Mitte der 80er die Geburtsstätte von House Music war. Chicago, der Club Warehouse, später von DJ Ron Hardy in „Music Box“ umbenannt. Die Mischung beider Namen - “House Music Box” - wurde Titel von Hells neuer Platte.

Minimal House

Nicht nur die 80er, auch die 90er Jahre sind Teil von Hellis Geschichtsstunde. Auch weil sich der Sound von House da nochmal verändert hat – durch den damals neuen Style von Robert Hood. Hell verehrt dessen “Minimal Nation”-Platte von 1994 als Blaupause des Minimal-Sounds, das dominierende Club-Genre des Milleniums.

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DJ Hell - Out Of Control (Official) | Bild: DJ Hell (via YouTube)

DJ Hell - Out Of Control (Official)

Bei Hood war “Minimal” eher ein Zufallsprodukt: Sein Grundkapital reichte für nicht mehr eine Roland 101-Drummachine, eine Roland 909-Drummachine und ein Fender Rhodes Piano. Er machte aus dieser Not eine Tugend bzw. einen neuen Sound. Bei Hood war die Reduktion unfreiwillig, bei Hell ist sie nun Konzept: “Und da dachte ich mir, ich gehe auch mal hin und limitiere mich selber und habe dann Tracks gemacht. Das ist jetzt kein ‚Minimal Nation‘ geworden. Es ist eine Rückbesinnung auf die Ursprünge der House Music, DJ Ron Hardy, Black Community. Die DJs waren schwarz, die Musikproduzenten waren schwarz, das Club-Publikum ebenso. Eine Reise in die Vergangenheit war das Konzept.”

Kein Retro-Ding

„You‘re arriving Berlin nightlife“, spricht die Stimme aus dem Navi. Das Stück „G.P.S.“ führt uns in die Gegenwart – auch wenn in der Clubmusik heute nicht mehr die ganz großen Innovationssprünge hingelegt werden wie in den 80ern oder 90ern. Aber Hells Album ist kein Retro-Ding, das vergessene Legenden wie Jesse Saunders, Sharivari oder Lil‘ Louis in Erinnerung bringt. Er hat es mit diversen Produzenten in diversen Studios in Berlin, München und Wien so aufgenommen, dass es sehr jetzig und vielleicht auch nach Morgen klingt. Wie heißt der Untertitel der Platte: „House Music Box (Past Present No Future“). Und „No Future“ war ja DER Punk-Slogan schlechthin. „Wenn ich ganz ehrlich bin, hab ich damals sogar an das ‚No Future‘ geglaubt. Keine Zukunft, keinen Sinn. Und ich weiß noch genau: Im Schutz der Dunkelheit war es damals abends am sichersten als Punk oder New Romantic. Tagsüber war es unangenehm zu agieren. Ich war froh, wenn es Nacht wurde“, so der DJ, dessen bürgerlicher Namen Helmut Geier lautet und der aus Altenmarkt/Oberbayern stammt.

Die bleierne Lockdown-Zeit

Für Hell, der über sich sagt, dass er gerade ein - Zitat - „Berufsverbot“ erlebt, für ihn sind die trostlosen Spät-70er, die Punk-Zeit, vergleichbar mit dem Lockdown von heute: Bleierne Tage. Da passt zeitlich auch ein Schlenker zu einem anderen alten Musikhelden rein: Ein Track heißt „Jimi Hendrix“. Die Platte erscheint auf Hells neuem Label, das nach Hendrix‘ Band Experience benannt ist: The DJ Hell Experience. In Hells Stück ist ein Sample aus Jimi Hendrix‘ letztem Interview reingemischt. Aufgenommen einen Tag vor dessen Tod. Ein konfuser Hendrix, der nicht genau weiß, was er sagen, geschweige denn fühlen soll.

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DJ Hell - Jimi Hendrix | Bild: DJHellOfficial (via YouTube)

DJ Hell - Jimi Hendrix

Ohnehin ist die Platte ist voller Querverweise in die Musikgeschichte: Der Titel „The Revolution Will Be Televised“ bezieht sich auf den berühmten Gil Scott-Heron-Song „The Revolution Will Not Be Televised“. Hell ist der Ansicht, dass   der Musiker damit vor Jahrzehnten falsch lag: Heute würde ja doch alles übertragen werden. „Tonstrom“ ist nochmal ein erhebender Deep-House-Track.

Das Albumcover – ein echter Meese

„House Music Box“ ist eine überzeugende Geschichtsarbeit in Sachen Black Dance Music der 80er / 90er. Demnächst sollen Hells Biographie, ein Film mit ihm und seine ironische Schlagerfigur Helmut kommen. Und mit Jonathan Meese als Gestalter des Covers hat Hell einen Künstler gefunden, der nicht nur die neue LP-Hülle entworfen hat: „Das war ein lang gehegter Wunsch, eine Kooperation mit Jonathan einzugehen, weil ich ihn als zeitgenössischen Künstler schätze – auch als Performer. Das Witzige ist: Ich kann‘s ja sagen – daraus ist nochmal ein Album entstanden! Mit seiner Mutter Brigitte – sie ist 91!! Also: Jonathan, Hell und Brigitte!!!“


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