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Album der Woche: "Ma" Slick - aber toll! Popschrat Devendra Banhart macht endlich ein straightes Popalbum

Weniger Freak, weniger Folk. Auch ein Devendra Banhart wird älter und weniger kindsköpfig. Das ist ja ultraschade, könnte man meinen. Unser Autor Julian Weber aber sagt: Nein! Endlich liefert Banhart ein straightes Popalbum!

Von: Julian Weber

Stand: 16.09.2019

„Taking A Page“ heißt ein besonders tröstlicher Song auf dem neuen Album des kalifornischen Singer-Songwriters Devendra Banhart. Banhart hat das Stück nicht alleine komponiert. In den Credits wird Carole King - die große Carole King - als Co-Komponistin genannt. „Taking a Page“ ist Banharts raffinierte Abwandlung von Kings „Far Away“. Carole Kings warme Art des Songwritings spendete Devendra Banhart Trost, als Donald Trump 2016 zum US-Präsidenten ernannt wurde. Seines neues Album „Ma“ feiert die mütterliche Seite der Popmusik: „Carole Kings Songs haben mütterliche Qualitäten. Es sind tröstende Songs, reich an Nährstoffen. Wenn es mir schlecht ging, wenn ich einsam war, erschöpft, dann habe ich mir ihre Songs angehört – und Wärme und Zuneigung gespürt. Diese Musik wirkt fast körperlich. Das ist doch das Schöne an Kunst: Genau wie Mütter gibt uns Kunst das Gefühl, auf diese Welt zu gehören.“

Künstlerinnen waren für Devendra Banhart schon immer wichtig. Die 74 Jahre alte Folksängerin Vashti Bunyan verehrt er und hat mit dafür gesorgt, dass die Britin in den Nullerjahren wiederentdeckt wurde. Zum wunderbaren Finale seines neuen Albums, „Will I see you tonight?“, hat er Vashti Bunyan mit dazu gebeten. Eine Traumhochzeit. „Wenn Musik ein riesiger Weltraum ist, dann gibt es eine eigene Galaxie namens Vashti Bunyan. Vielleicht ist es auch ein eigenes Sonnensystem. Verglichen mit Vashti Bunyan bin ich nur ein kleines Staubkorn. Aber das macht mich glücklich“, so Banhart.

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Devendra Banhart - Taking a Page (Official Video) | Bild: Devendra Banhart (via YouTube)

Devendra Banhart - Taking a Page (Official Video)

Ein Popalbum ohne Faxen

„Ma“ ist für Banharts Verhältnisse ein richtiges Popalbum geworden. Das liegt daran, dass die 13 neuen Songs ohne Faxen auskommen. Diesmal sind die Arrangements straight und slick, Saxofone säuseln, jeder Gitarrenlick sitzt. Banhart kam vorbereitet zu den Aufnahmen ins Studio im kalifornischen Big Sur. Sein langjähriger Sidekick Noah Georgeson musste nicht erst aus unzähligen Demoskizzen fertiges Material destillieren. Das erledigte Banhart selbst. Und darauf ist er sichtlich stolz. Den alten Schalk im Nacken, den behält der 38-Jährige dennoch: „Mir wurde ja schon viel vorgeworfen, aber noch nie, dass ich Popmusik machen würde. Aber unser Pop unterscheidet sich vom Rest. Es ist eher so eine Art softe 70er Jahre Popmusik wie es sie früher auf US-Mittelwellenradiosender gab. Aber das passt heute auch wieder zu modernen Formaten wie Yachtrock. Wenn Playlisten nicht so ein Politikum wären, könntest Du unsere Songs zusammen mit einer Trapnummer von 2 Chainz spielen, und es würde gut klingen.“

Abre Los Manos

„Ma“ ist auch geprägt vom vergifteten Klima in den USA. Devendra Banharts Mutter kommt aus Venezuela, öfter als viele US-Stars tourt er durch Südamerika. Lateinamerikanische Kultur ist Teil von Banharts Welt. Auf „Ma“ singt er gleich drei Songs auf Spanisch und einen auf Portugiesisch. Wenn zwischen den USA und Mexiko nun eine Grenzmauer gebaut wird, fliegt Banhart mit seinen spanischen Songs locker über diese Grenze. „Abre Los Manos“ heißt „Öffne Deine Hände“. „Auf den letzten Alben habe ich für meinen Geschmack zu wenig spanisch gesungen. Aber während der Aufnahmen für ‚Ma‘ ist die USA immer tiefer in die gesellschaftliche Apokalypse gerutscht. Klar, dass für mich dann Spanisch wichtiger wurde. Ich spreche mit meiner Familie ohnehin zuhause Spanisch. Diese hispanische Lebensart hat dann ihren Platz auf dem Album gefunden, genauso wie das Thema Mutterschaft. Meine ganze Band ja mittlerweile Kinder“, erklärt Banhart.

Banhart sieht sich nicht als politischen Künstler

Dass er es ernst meint, sieht man auch daran, dass Banhart einen Teil der Einnahmen aus seiner momentan laufenden US-Tour einem guten Zweck spendet: Damit wird Frühstück für venezolanische SchülerInnen bezahlt. Trotzdem, Devendra Banhart sieht sich nicht als politischer Künstler. Er macht nicht nur Musik, er malt auch und schreibt. Im Frühjahr ist sein erster Gedichtband erschienen: „Weeping Gang Bliss Void Yab-Yum“, darin finden sich Limericks wie der vom ehemaligen Strafgefangenen, der im Nagelstudio sitzt: „Like an ex-con at a nail salon/I’m hangin‘ on“. „In dem Nagelstudio, das mich zu diesem Gedicht inspiriert hat, habe ich mir zum Geburtstag die Fingernägel lackieren lassen. Gedichte sind Worte, die keine Musik brauchen, manchmal nur Stille. Ich mag keine Reime und man sollte meine Gedichte auch nicht laut lesen. Dafür gibt es ja meine Musik, da geht es um andere Stimmungen und Gefühle.“

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Devendra Banhart - Taking a Page (Official Audio) | Bild: Devendra Banhart (via YouTube)

Devendra Banhart - Taking a Page (Official Audio)

Weich und tiefenentspannt

Einschmeichelnd, weich, tiefenentspannt. Devendra ist mit sich und seiner Stimme im Reinen. Der Gesang steht auf „Ma“ im Vordergrund, aber er nervt nicht. Denn Banhart setzt die Stimme bewusster ein als früher. Fast schon beflügelt und ohne Skrupel zitiert er aus dem Goldenen Popzeitalter Stars wie Leonard Cohen. Mit „Ma“ ist Devendra Banhart nun selbst bei den Klassikern angekommen. Mit der Sensibilität einer erfahrenen Mutter.


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