Bayern 2 - Zündfunk


26

Album der Woche: Tell Me How You Really Feel Eine erschöpfte Courtney Barnett hat ein tiefgründiges Album über die Einsamkeit geschrieben

Courtney Barnett ist nicht mehr nur zuhause in Australien ein Star. Doch der Rummel tut ihr nicht gut. Auf ihrem neuen Album"Tell Me How You Really Feel" singt sie über die #metoo-Debatte, aber hauptsächlich über ihre eigene Einsamkeit.

Von: Michael Bartle

Stand: 14.05.2018

Courtney Barnett hat für ihr neues Album einen klaren Plan. Mehr Gitarren soll es haben ! Mehr Tiefe! Und mehr Dunkelheit! Und was eignet sich dafür besser, als die #metoo-Debatte und Barnetts Blick darauf. "Ich will nachts durch den Park spazieren – ohne mir Sorgen zu machen," singt Courtney Barnett gleich auf der ersten Single "Nameless, Faceless". Um dann gleich ein berühmtes Margret Atwood Zitat hinterherzuschieben. "Men are scared that women will laugh at them / Women are scared that men will kill them". Das sitzt. Aber dann ändert sich der Ton der Platte.

Keiner weiß, wer und wie du bist

Wir müssen uns Courtney Barnett gerade als einen erschöpften Menschen vorstellen. Grammy Nominierungen, Late Night Shows, große Festivals, eine Handvoll Preise in ihrer australischen Heimat – das Entertainment-Aufblasungs-Karussell hat sich bei ihr in den letzten drei Jahren immer schneller gedreht. Bus, Maske, Sendestudio, Auftritt, dann wieder Stunden um Stunden aus dem Fenster eines Tourbusses in die Ödnis schockstarren. Dieses Pop-Ermüdungsbecken kannte sie so noch nicht. "Wenn du dann endlich wieder mal zuhause bist", singt sie, "dann warten alle schon auf dich, aber keiner weiß, wer du geworden bist, wie leer du dich fühlst. Freunde sind dir plötzlich fremd, aber jeder Fremde klopft dir auf die Schulter."

Der zynische Song "City Looks Pretty" ruft bei uns Fans sofort das besondere Courtney-Gefühl hervor. Diese minimalen Bodenwellen in der Nuancierung: alles am genau richtigen Platz! Die dezenten Grunge- und Neil Young-i-sierungen in den Wortendungen. Es ist alles wieder da. Fast jeder Song wird uns wieder vollkommen ungerührt entgegenerzählt. Mit diesem typischen Barnett-Timbre, oder noch besser: mit dieser Nicht-Stimmen-Stimme.

"Deine eigenen Worte zu singen, deine kleinen Geheimnisse, das hat was sehr angreifbares. Die Stimme ist ein so verletzliches Instrument, ich hab nie vor Publikum gesungen bis ich 18 war. Ich hatte so Schiss. Die Stimme kann man so leicht beurteilen und niedermachen, man beurteilt da den Charakter irgendwie mit. Jedes andere Instrument ist einfacher, legt deine Persönlichkeit nicht so offen. Mit dem Singen gehst du einen Schritt weiter – und weißt du, ich bin nicht gerade die professionellste Sängerin der Welt!"

- Courtney Barnett

Erschöpft und innerlich leer

Und genau das hat ihr geholfen, wie auch den anderen großen Nichtsängern Neil Young oder Bob Dylan. Die Geschichten einfach runterschnurren. Die Verletzlichkeit gerade nur so weit zuzuschütten, zu übertünchen, dass sich immer doch noch ein schmaler Schlund auftut. Nein, brummt sie in "Need A Little Time", viel weiß sie nicht von uns, aber wir scheinbar eine ganze Menge über sie.


Jetzt aber Abstand gewinnen: Abstand von der Übermüdung, der Starzirkus hat dich gefressen, nun also den Blick nach innen richten, den Blick ins Leere. "Tell Me How You Really Feel" heißt Courtney Barnetts neue Platte. Natürlich ist sie schlau genug: sie ahnt, dass im Moment niemand wirklich wissen will, wie sie sich fühlt. Schon gar nicht jetzt, wo alle was von ihr wollen und sie manchmal gar nichts mehr fühlt. "Tell Me How You Really Feel" ist Courtneys Distanzplatte geworden, ihr Erschöpfungsalbum. Aber weil sie – anders als die Arctic Monkeys - eine tolle Songwriterin geblieben ist, muss sie dafür gar keine neue Platte auflegen.


26