Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche: "Closer To Grey" Hedonismus? Ja, bitte! Die Chromatics machen den bestmöglichen Mix aus Gucci, New Wave und David Lynch

Unterkühlt und mysteriös: Die Chromatics sind Meister darin, ganz beiläufig schwerelose Popsongs rauszuhauen. Dabei dauerte die Arbeit an „Closer To Grey“ ganze sieben Jahre. Michael Bartle wagt die Weltflucht. Denn die muss auch mal sein!

Von: Michael Bartle

Stand: 07.10.2019

Sie haben es wieder getan. Schon wieder haben die Chromatics einen Welthit ins Tiefkühlfach gelegt und schockgefrostet. Nach Cindy Lauper, Neil Young und Bruce Springsteen bekommen nun auch Simon & Garfunkel und „The Sound Of Silence“ einen Raureif verpasst. Und auch das neue rush-releaste Album „Closer To Grey“ hat wieder diese leicht unterkühlte Sexyness. Alles schaut aus und hört sich an wie der bestmögliche Mix aus Gucci, New Wave und David Lynch.

Der Zündfunk präsentiert: Chromatics live in der Münchner Muffathalle am 17.10.2019

Auf der ersten Single „Light As A Feather“ haucht Sängerin Ruth Radelet wieder so herrlich bescheuert bedeutungsschwangere Sätze wie „I hear a voice, she whispers secrets from the death“. Gesungen wie immer mit ihrer seltsam unberührten und unberührbaren Stimme – weit weg von uns, auf ihrem Lost Highway dahin-cruisend, spricht sie zu niemanden und berührt uns doch alle.

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CHROMATICS "YOU'RE NO GOOD" (Official Video) | Bild: Italians Do It Better Music (via YouTube)

CHROMATICS "YOU'RE NO GOOD" (Official Video)

Perfektionisten am Werk

„Closer To Grey“ war zunächst eine schwere Geburt. Schon vor fünf Jahren hatte Johnny Jewel ein neues Chromatics-Album angekündigt. „Dear Tommy“ sollte es heißen, auch die Tracklist stand schon fest. Doch offenbar war er mit dem Ergebnis unzufrieden, er hat die Veröffentlichung immer wieder nach hinten verschoben, über Jahre hinweg. Nun ist den Chromatics eine andere Platte herausgerutscht. Auf „Closer To Grey“ werden die Gitarren wieder diesen Ticken übersteuert, die Synthies fiepen und verwehen dann wieder und nur ganz gelegentlich reißt uns ein Schlagzeug oder das Ticken einer Uhr aus dem Trance. Und wie schon dem Moon Duo eine Woche zuvor, gelingt es der Band, die Qualität der Songs auch auf Albumlänge zu halten.

Unangestrengt und leicht

Eine härtere Konkurrenz als in dieser Woche hätten die Chromatics kaum haben können. Zumindest hier bei uns im Zündfunk haben sie sich unter anderem gegen die neuen Platten von Wilco, Nick Cave und Angel Olsen durchgesetzt. Vor allem Angel Olsen und Nick Cave ist die Anstrengung anzuhören, etwas Großes schaffen zu müssen. Angel Olsen hat von zwei Starproduzenten ein 14-köpfiges Orchester verpasst bekommen - und muss lernen, dagegen anzusingen. Nick Cave verarbeitet auf „Ghosteen“ den Tod seines Sohnes mit der ihm eigenen maximalen Intensität, was mir zumindest auf Albumlänge einen Ticken zu viel wird. Dagegen sind die Chromatics absolute Leichtgewichte. Komplett beiläufig unaufgeblasen spielen sie ihren Oberflächen-Wall Of Sound. Umso größer ist der Effekt, wenn sie, wie beim Jesus And Mary Chain-Cover, dann doch die Verstärker aufdrehen.

Sedierung

Die Chromatics haben schon immer das leicht Mysteriöse geliebt. Aber auf „Closer To Grey“ haben sie nun ihren unwirklichen, entrückten Sound perfektioniert. Von keiner anderen Platte lasse ich mich zur Zeit so gerne benebeln und sedieren. Und wer einen Song selbstironisch „Love Theme From Closer To Grey“ nennt, hat eh schon gewonnen.


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