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„Big Time“ Angel Olsen verarbeitet den Tod ihrer Eltern – und feiert ihre queere Liebe

Die Eltern sterben – zugleich findet sie ihre große Liebe: Angel Olsen hat eine bewegte Zeit hinter sich. Ihre Erlebnisse hat die US-Indie-Folk-Queen auf das Album "Big Time" gepackt. Selten hat Trauerhilfe so anrührend geklungen.

Von: Ralf Summer

Stand: 07.06.2022

Bewegte Zeiten hat Angel Olsen hinter sich. Erst starb ihr Vater, dann die Mutter und dazwischen hatte sie ihr Coming-out: Die US-Musikerin gab bekannt, dass sie Adele Thibodeaux liebt. Thibodeaux ist nicht-binär und schreibt Drehbücher – und hat auch den Titelsong von Angel Olsens neuer Platte „Big Time“ mitgeschrieben. Das neue Album entstand mit einem „Peitschenhieb“ – so nennt Angel Olsen den Zusammenprall von Trauer und Liebe. Musikalisch überrascht uns die ehemalige Indie-Folk-Queen auf „Big Time“ mit einem Mix aus Americana und Country – beeinflusst von Lucinda Williams, J. J. Cale und Stevie Nicks.

Jetzt ist die Zeit reif für diesen Song

„Thank you for the free ride and all the good times“, singt Angel Olsen im ersten Stück des Albums mit dem Titel „All The Good Times“. Es war eines ihrer ersten Americana- und Country-Stücke, das sie schon 2017 schrieb. Lange wusste Olsen nicht, ob sie es jemand anderem geben oder doch selbst singen sollte, wenn die Zeit reif sein würde für diesen Sound. Es ist ein Lied für ihre große Liebe: „Wenn ich Adele schon nicht auf Tour dabeihaben kann, schreibe ich wenigstens einen Song“, so Angel Olsen.

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Angel Olsen - All The Good Times (Official Video) | Bild: AngelOlsenVEVO (via YouTube)

Angel Olsen - All The Good Times (Official Video)

Wofür „Big Time“ steht

„You made the big time” heißt im Englischen so viel wie „Du hast das große Los gezogen“. Aber Angel Olsen hat noch andere Assoziationen: Am Begriff „Big Time“ habe sie gemocht, dass er so mehrdeutig ist. Er könne auch für „Weite“ stehen. So nimmt Olsen die Gegenwart wahr, wie ausgedehnt und geradezu surreal: „Wir erleben die Umkehrung von Dingen, von denen wir dachten, dass wir sie hinter uns gelassen hätten: das Ende der liberalen Abtreibungsgesetze in den USA, die Schießereien, die die ganze Zeit über stattfinden, der drohende Dritte Weltkrieg“, zählt sie auf. „Es ist eine beängstigende Zeit“, sagt Olsen. „Die Millennials haben in ihrem Leben bereits den 11. September, eine Pandemie und nun den Krieg gegen die Ukraine erlebt.“ Alles Ereignisse, die lebensverändernd gewesen seien. „Für mich war es so, dass alles umgestürzt ist“, sagt die Musikerin.

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Angel Olsen - Big Time (Official Video) | Bild: AngelOlsenVEVO (via YouTube)

Angel Olsen - Big Time (Official Video)

Angel Olsen hat ihre erste Freundin geghostet

In „Ghost On“ singt Olsen von ihrer ersten queeren Beziehung. Diese begann während der Pandemie und hielt nicht lange. Denn Olsen entzog sich schnell der anderen, „ghostete“ sozusagen ihre Freundin. Durch den Tod ihrer Eltern hatte sie gelernt, Zeit als kostbar anzusehen und zu hinterfragen: Was will ich wirklich, was ist mir wirklich etwas wert? „Ich habe einige Zeit damit verbracht, mit Freunden zu sprechen, die einen Elternteil oder jemanden verloren hatten, der ihnen sehr nahestand“, erzählt Olsen. „Denn eine Zeit lang war ich einfach nur genervt von den Menschen und alltäglichen Gesprächen.“ Es sei ihr schwergefallen, die Folgen des Verlustes abzuschätzen. Sie habe mit einer Depression zu kämpfen gehabt und schließlich gefunden, was ihr aus der Verzweiflung half: sich zurückzuziehen und fernzusehen. „Nun habe ich das Gefühl, dass ich endlich wieder zu mir selbst zurückfinde.“

„Big Time“ ist eine Platte mit negativer CO2-Bilanz

„Go Home“ erzählt von der Sehnsucht auf Tour, endlich wieder zuhause anzukommen. Das elegische „Chasing The Sun“ entstand auf Rad-Touren und Wanderungen mit ihrer neuen Liebe Thibodeaux, als die beiden während der Pandemie nirgendwo hineinkonnten und mehr in der Natur waren – was sich in den physischen Formaten des Albums niederschlägt: Es gibt die neue Angel-Olsen-Platte auch als „carbon-negative album copy“, als Platte mit negativer CO2-Bilanz. Für 50 Cent Aufpreis bei der CD oder einem Dollar mehr bei der LP.

„Ich war viel in den Bergen von Asheville in North Carolina und habe gesehen, wie groß die Natur im Vergleich zu mir ist“, erklärt Olsen. „Darum wollte ich etwas tun, das, wenn auch nur im Kleinen, zu ihrer Erhaltung beiträgt.“ Das sei eine Art sich den Raum, den wir einnehmen, bewusst zu machen. „Und es wäre cool, wenn andere Künstler sich inspiriert fühlen, das Gleiche zu tun.“ Sie lebe an einem Ort, an dem sie die globalen Auswirkungen der Klimaveränderungen sehen könne: „Es regnet dort so viel, dass die Bäume entwurzelt werden.“ Das sei sehr eindrücklich. „Es ist seltsam zu sehen, wie real die globale Erwärmung an einem Ort ist.“

„Through The Fires“ ist für Olsen der zentrale Song

Das zentrale Stück der Platte ist für Angel Olsen „Through The Fires“ – eine ergreifende Ballade der Seelen-Reinigung, in der sie singt, dass man durch Feuer gehen muss und den Schmerz loslassen soll, der dich an Höherem hindert. Selten hat vertonte Trauerhilfe einer Musikerin so toll, so empathisch, so anrührend geklungen. Aber wir können die klimafreundliche Platte auch so genießen. Und dafür muss man nicht darauf warten, dass jemand von uns geht.

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Angel Olsen - Through The Fires (Lyric Video) | Bild: AngelOlsenVEVO (via YouTube)

Angel Olsen - Through The Fires (Lyric Video)

„Big Time“ von Angel Olsen ist bei Jagjaguwar erschienen – begleitet wird das Album von einem etwa 30-minütigen Film (Amazon Music). Die US-Musikerin ist demnächst in Europa auf Tour, zum Beispiel am 21.07. in Wien, am 02.10. in Zürich oder am 04.10. in München. Alle Tourdaten hier.