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Album der Woche: “Two Hands” Big Thief liefern uns die beste Platte für Alternative-Cowgirls weltweit

2019 ist ein gutes Jahr für Menschen, die auf die Band Big Thief aus Brooklyn stehen. Zwei Alben hintereinander - und dazwischen liegen nur fünf Monate. Mit "Two Hands" hat sich die Band um Adrienne Lenker nochmal gesteigert.

Von: Achim Bogdahn

Stand: 15.10.2019

Big Thief an einer Wand | Bild: Beggars Group/Sven Herwig

„Two Hands“ ist musikalisch und lyrisch das absolute, 100prozentige Gegenstück zu männlich-sexistischem Macho-Hip Hop a la Young Thug oder zu industriellem Chartpop a la Katy Perry oder Rita Ora. Deren Fans würden garantiert durchdrehen, müssten sie sich ein ganzes Album von Big Thief anhören. Es ist subtil, intellektuell, intim, ein bisschen schräg, zerbrechlich und natürlich ohne jedes Autotuning gesungen. Es mag ja größenwahnsinnig klingen, aber trotzdem oder gerade deswegen sind Big Thief eine der wichtigsten Bands der Gegenwart. Sie sind die Stimme des anderen Amerikas.

Big Thief vereinen Natur und Musik

Wer ihr Album „U.F.O.F“ vom Mai übersehen hat, bekommt jetzt eine zweite Chance, die Band von Songwriterin Adrienne Lenker zu entdecken. Es ist noch gar nicht so lange her, da spielte die Band auf den Straßen in New York, man kann bei Youtube noch Bilder davon finden. Big Thief kommen aus der Stadt, aber machen Musik, die nach Natur klingt.

Das Vorgängeralbum entstand in den Wäldern des nördlichen Bundesstaates Washington in einer Holzscheune, während es draußen die ganze Zeit regnete. „Two hands“ wurde dagegen in einem Studio im heißen, staubigen Texas aufgenommen, 3.100 Kilometer südlich, nicht weit von der mexikanischen Grenze, inmitten einer Pecan-Nussplantage. Vielleicht hört man das auf irgendwie Art und Weise, das neue Album ist jedenfalls härter, elektrischer, dynamischer als der Vorgänger geworden.

Politischer Indie mit familiärem Touch

„Not“ ist vielleicht das Schlüsselstück von „Two Hands“. Es ist rau, laut und verzweifelt. Und es zeigt uns, Big Thief könnten auch eine großartige Rockband sein. Sängerin Adrienne Lenker hat als Kind davon geträumt, ein Popstar zu sein, die Wende, sagt sie uns, kam erst, als sie Indie-Musik für sich entdeckte.

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Big Thief -  Not (Official Audio) | Bild: Big Thief (via YouTube)

Big Thief - Not (Official Audio)

Irgendwie denke ich mir beim Sound von Big Thief immer, ich wäre in irgendeinem tiefen Wald, aus dem ich nicht mehr herausfinde. Aber zum Glück sind da auf einer Lichtung diese vier lieben Menschen, an deren Seite einem nichts passieren kann. Die einem tröstend am Lagerfeuer vorsingen und sicher auch irgendwas Veganes zum Essen dabei haben. Diese Menschen sind die vier von Big Thief. Die Platte wurde übrigens live eingespielt, also nicht Spur um Spur, jedes Instrument einzeln nacheinander, sondern zusammen. Big Thief sind wie eine Familie. Eine, die zusammenhält.

Die Songs auf „Two Hands“ kriechen einem erst langsam ins Ohr und dann unwiderstehlich ins Herz. Mit Texten über „Mutter Erde“, über Weltschmerz, die Schatten des Daseins, die Zerstörung der Umwelt, aber alles poetisch, unaufdringlich. In jedem zweiten Lied taucht das Wort „cry“ auf, es geht um Leben, Sterben, Tod, immer wieder. Sängerin Adrienne Lenker sagt: „Die Songs auf „Two Hands“ sind die Songs, auf die ich am aller stolzesten bin, ich werde sie noch singen, wenn ich alt bin“. Und wir werden dann immer noch zuhören. Danke für einen Klassiker.


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