Bayern 2 - Zündfunk


20

Album der Woche Thurston Moore hat ein Herz für den feministischen Punk von Big Joanie

Unser erstes Album der Woche 2019: Das Debüt-Album von Big Joanie kommt aus der Londoner Afro-Punk-Szene – und verbindet 90s Riot Grrrl erfolgreich mit 60s Girl Group-Pop. Sie sind die erste Band im neuen Label von Thurston Moore.

Von: Ralf Summer

Stand: 07.01.2019

Die Geschichte von Big Joanie klingt wie ein Märchen: Du spielst live mit deiner Band und der große, blonde Typ im Publikum ist tatsächlich Thurston Moore – Kopf der wichtigsten Noise-Rock-Band aller Zeiten: Sonic Youth. Und nach dem Konzert kommt Moore dann auch noch Backstage. Man versteht sich. Am nächsten Morgen bist du die erste Gruppe auf seinem neuen Label: The Daydream Library Series.

Aus der Londoner Afro-Punk-Szene

Doch das britische Damen-Trio kommt nicht aus dem Nichts. Big Joanie sind fester Teil der Londoner Afro-Punk-Szene: sie organisieren das Festival „Decolonise Fest“. Mit, von und für „Punks of Color“, Punks, die keine weiße Hautfarbe haben. Big Joanie haben „Stop Rainbow Racism“ gegründet: Eine Aktion, die rassistische Auftritte in LGBT-Räumen verhindern will.

Sie wissen, was sie tun: Big Joanie wurde gegründet, nachdem sich die Afro-Britinnen in ihren früheren Bands immer doppelt diskriminiert fühlten: erstens als Schwarze und zweitens als Frauen. “Und dann wollen die ausgerechnet auch noch Punk machen!”

Track 2 ist der erste Hit

Jetzt ist das erste Album da: „Es ist das neue Jahr und ich bin noch da, sag‘ mir nicht, dass ich weg bin.“ Mit dieser Ermahnung beginnt die Debüt-Platte „Sistahs“. Es ist anfangs eher zurückhaltender Rock, der aber so klingt, als würde da noch eine Menge nachschieben. Und schon beim nächsten Stück geht‘s nach vorn.

Der Hit von Big Joanie heißt “Fall Asleep”. Schiebt mit seinem Synthie wie ein Mix aus Sleater Kinney und dem LCD Soundsystem. Im Video sieht man, wie die drei Musikerinnen ihren Übungsraum mit afrikanischen Tüchern dekorieren und dann das treibende Stück spielen. Dazwischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von einer Party, auf der ausschließlich schwarze Frauen tanzen, trinken und gestikulieren.

Starke Frauen im Fokus

Live tourten Big Joanie schon mit der großen US-Queer-Punk-Band, den Downtown Boys. Aber die drei Londonerinnen kommen weniger hymnisch und hardcore daher. „Stellt euch den 60´s Girl-Group-Pop der Ronettes vor“ sagen Big Joanie, „gekreuzt mit dem DIY-Sound der 80er und den Riot Grrl Bands der 90er. Aber alles im Dashiki – dem bunten, afrikanischen kaftan-artigen Umhang.“

„Er denkt ich bin ein Witz. Er kann kotzen gehen“, singen sie in „How Could You Love Me“. Und behalten trotzdem die Contenance. Unser erstes Album der Woche im neuen Jahr ist vertonter Black Feminism. Und der macht eine Menge Spaß, zeigt aber auch, wieviel Verletzungen zu solchen Texten und zu solcher Toughness geführt haben müssen. Big Joanie orientieren sich an starken Frauen. Wie an Namensgeberin Joan, der Mutter von Sängerin und Gitarristin Stephanie Phillips. Mama Joan ist auf dem Cover von „Sistahs“ zu sehen – neben ihrer Schwester. Big Joanie nennen ihren Sound am liebsten „Sistah Punk“.


20