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"Campsite" Anna Erhard macht smoothen Pop, der für Lagerfeuer am Campingplatz viel zu schade ist

Mit ihrem Solodebüt "Short Cut" hat Anna Erhard 2021 einen Neuanfang gewagt. Vorher war sie als Straßenmusikerin in Basel und als Sängerin der Indie-Band "Serafyn" unterwegs. Nun kommt schon die zweite Solo-Platte von Erhard. Auf "Campsite" bearbeitet sie die Freuden und Leiden des Draußenseins.

Author: Sandra Limoncini

Published at: 12-9-2022

Ganz ehrlich, ich hasse Camping und Campingplätze. Das ist mir alles zu unbequem, zu laut, zu schmuddelig und viel zu sozial. Da muss ich mit Menschen reden, die ich nicht kenne und mit denen ich mir auch noch ne Dusche teilen soll. Urgh. Danke ohne mich. Dass die Schweizerin, Anna Erhard, mit Wohnsitz in Berlin, jetzt ausgerechnet ein Album mit den Namen "Campsite" veröffentlicht hat, das stellt mich vor eine große Herausforderung. Musik übers Campen? Wie soll das denn klingen?

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Anna Erhard - Campsite (Official) | Bild: Anna Erhard (via YouTube)

Anna Erhard - Campsite (Official)

Anna Erhard ist sozusagen eine Spezialistin für "Draußen"-Musik. Mit ihrer Band Serafyn war sie schon als Straßenmusikerin in der Schweiz unterwegs. Ihr zweites Soloalbum nach ihrem Umzug von Basel nach Berlin heißt jetzt "Campsite", weil es tatsächlich um die Freuden und Leiden des Draußenseins geht. Anna Erhard hat damit reichlich Erfahrung: "Wir sind früher mit der Familie tatsächlich immer auf den gleichen Zeltplatz. Und im Titelsong geht es auch tatsächlich um diesen einen Zeltplatz. Der ist in der französischen Schweiz an so einem See, da sind wir immer hingefahren, jeden Sommer vielleicht so drei Wochen."

Campen ist so, wie das Leben eigentlich sein sollte

Das Cover von "Campsite".

"Das war so 'high life' für mich", erzählt die Sängerin weiter. "Das war immer meine Lieblingszeit im Jahr. Ich fand das irgendwie gut im Zelt zu schlafen. Man ist nicht hinter einen dicken Wand irgendwo und wohnt da sondern man hört durch diese Zeltwand alles. Man hört wie draußen Frösche quaken und die Erwachsenen am Abend noch stundenlang was erzählen. Ich fand das immer mehr so, wie das Leben eigentlich sein sollte."

Das Leben soll also nicht nur so sein, sondern auch so klingen: "I used to have a good time at the campsite. I was the leader ’cause I had the most mosquito bites", singt Anna Erhard im zweiten Song von "Campsite". Der hat eine wunderbar schrammelige Gitarre und ab und an gibt’s auch ein leichtes Gezerre. Das klingt tatsächlich so als wenn eine Mücke im Ohr herum schwirrt, aber ich mag das. Ist irgendwie leicht irre und gleichzeitig liebevoll.

Kein Konzeptalbum - Bespaßung während Pandemie

Diesen sehr eigenen Sound hat Anna Erhard dem ehemaligen Wir sind Helden-Drummer Pola Roy zu verdanken, der ihr Album produziert hat. Er hat bereits ihrer ersten Band Serafyn unter die Arme gegriffen und ist ein wirklich guter Katalysator für Anna Erhard und ein Album mit einer großen Bandbreite.

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Anna Erhard - Picnic at the Seaside (Official) | Bild: Anna Erhard (via YouTube)

Anna Erhard - Picnic at the Seaside (Official)

Bei der Entstehung hat "Campsite", wie viele Alben, die in den letzten Monaten erschienen sind, natürlich im weitesten Sinne einen Pandemie Kratzer abbekommen. Anna Erhard konnte in dieser Zeit nicht das machen, was sie sonst getan hätte. In diesem Pandemie Jahr hätte sie nicht wirklich zelten gehen oder irgendwohin fahren können. Deshalb sie sich ganz viele Geschichten ausgedacht. Um sich selber zu unterhalten, eine schöne Erinnerung aufzuzeigen oder sich wohin zu träumen.

"Es war überhaupt kein Konzept hinter dem Album. Ich habe mich selber versucht ein bisschen zu bespaßen. So als ob ich meine eigene Babysitterin wäre und immer neue Spiele und Geschichten erfunden hätte, damit mir nicht langweilig wird."

Anna Erhard

Popsongs viel zu schade für den Campingplatz

Passt, denn langweilig wird wirklich niemandem bei "Campsite". Wie im Song "Horoscope" verwirrt Anna Erhard einen durch die ständig wiederkehrende Tempi Wechsel. Das habe ich so noch nie gehört. Man wird schlagartig wach, weil ein Bruch entsteht und man sich reflexhaft fragt: Hä, was ist das denn? Dann klingt das Album wieder fast ein bisschen nach Londoner Urban Style, beim Song "Picnic at the Seaside" zum Beispiel.

Anna Erhards ersten Alben waren anders: Zaghaft, ja fast schüchtern, klang sie da noch. Bei ihrem aktuellen Album Campsite hat sie sich entwickelt und verändert. Dabei herausgekommen ist ein wunderbares smoothes Album mit wirklich guten Popsongs, die fürs Lagerfeuer am Campingplatz viel zu schade sind. Die gehen auch zuhause auf dem Sofa, auf einer langen Autofahrt oder auf dem Fahrrad. Eigentlich gehen die sogar immer und überall.