Bayern 2 - Zündfunk


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Album der Woche Sufjan Stevens liebt Angelo De Augustine – und wir jetzt auch!

Dieses Album ist so traurig und so schön – und dabei kein bisschen kitschig. Angelo De Augustine leidet mit Stil und haucht in "Tomb" den Trennungsschmerz weg. Eine Platte wie ein Gebet. Und wir beten mit.

Von: Ralf Summer

Stand: 14.01.2019

Es ist immer die Frage: Womit beginne ich die Platte? Gebe ich nur allmählich preis, worum es geht? Oder falle ich gleich mit der Tür ins Haus? Angelo De Augustine entscheidet sich für Zweiteres. „Tomb“ – „das Grab“ – heißt das erste Lied auf seinem neuen Album. Und was ihn ins Grab gebracht hat ist: das Ende seiner ersten Liebe. „Ich habe so lange nach jemandem wie dir gesucht,“ singt Angelo, „doch ich bin zur falschen Zeit in dein Leben gekommen. Es ist, als ob ich mein Leben in den Wind geworfen hätte. Hab ich dir zu viel Liebe gegeben? Entschuldige, aber ich musste es tun.“

Liebe, Sex und Zärtlichkeit

Angelo De Augustine ist ein Haucher vor dem Herrn. Mit seinem verzärtelten Folk passt er bestens in diese Jahreszeit. Seine federleichten Kompositionen wiegen sich im Wind wie Schneeflocken. Die Stücke haben vielleicht nicht die Ergriffenheit eines Scott Matthew, die Stimme des US-Songwriters erinnert eher an die Villagers. Und bei ihm muss vor allem aber ein Name fallen: Sufjan Stevens. De Augustine gilt als Schützling des Meisters und veröffentlicht auf dessen Label Asthmatic Kitty. Stevens hat dort in den letzten 20 Jahren schon tolle Künstler wie Julianna Barwick oder Helado Negro veröffentlicht. Nun also Angelo de Augustine.

Unterstützung von Sufjan Stevens

Der Labelboss hilft, wo er kann. Für die Single „Time“ hat er sich im Studio ans Klavier gesetzt, und zu zweit haben De Augustine und Sufjan eine Piano- und Akustikgitarrenversion eingespielt. Mindestens so gut, wie die Originalversion vom Album:

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Angelo De Augustine - "Time (feat. Sufjan Stevens)" Live at Reservoir Studios | Bild: Asthmatic Kitty Records (via YouTube)

Angelo De Augustine - "Time (feat. Sufjan Stevens)" Live at Reservoir Studios

„Die Zeit ist mir auf den Fersen. Ich muss immer weiterlaufen. Ich bin auf der Flucht“, singt er in „Time“. Der Schmerz muss raus. Und am besten singt man über ihn. „Tomb“, sein drittes Werk, ist ein Trennungs-Album. Auf bandcamp notiert er, dass ihm das Schreiben der Lieder geholfen habe, das Alte hinter sich zu lassen, die Wunden können nun heilen. „Die Platte ist ein Gebet für Hoffnung und Klarheit“, sagt de Augustine. „Aber auch ein Liebesgebet“.

Das Herz schlägt leise

Angelo de Augustine kommt aus Kalifornien, aus Thousand Oaks, einem Vorort von Los Angeles. Aufgenommen hat er diesmal mit Thomas Bartlett, der vor Kurzem auch das Unplugged-Album von St. Vincent produziert hat. Oder auch Rhye. Und nun also „Tomb“ von De Augustine. Angelo, der Bartträger mit dem wuscheligen Haar, lässt ab und an auch die Beatbox mitlaufen. Aber er stellt sie auf so sanft, dass man meint, man höre lediglich einen Herzschlag. Sein Herz – es schlägt wieder.

Je länger man „Tomb“ laufen lässt, desto mehr möchte man sofort ein Lounge-, Punsch- oder Hauskonzert veranstalten. Einen intimen Rahmen schaffen, bei dem man Stecknadeln fallen hören kann. Eine akustische Andacht von Angelo de Augustine, bei denen man sich so richtig tief in die Musik fallen lassen möchte. De Augustine sagt: „Die Platte ist ein Versuch, die Feinheiten einer anderen Person zu verstehen.“ Unser Album Der Woche ist also eine Übung in etwas, wovon man nie genug haben kann: eine Übung in Empathie.


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