Bayern 2 - Zündfunk


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"Yol" Altın Gün spielen alte türkische Volkslieder - und beamen sie auf verrückte Weise ins Hier und Jetzt

Der Vinyl-Digger und Bassist Jasper Verhulst hat sich derart in die türkische Volksmusik der 60er und 70er Jahre verliebt, dass er ihr zu Ehren eine Band gründete. Mit großem Erfolg: 2019 erhielten Altın Gün eine Grammy-Nominierung. Nun ist Album Nummer drei erschienen.

Von: Matthias Hacker

Stand: 01.03.2021

„Yüce Dağ Başınd“, das ist der große Hit auf “Yol” - der dritten Platte von Altın Gün. Die sechsköpfige Band aus Amsterdam hat sich darauf spezialisiert, türkische Volksmusik und anatolischen Psychrock zu modernisieren. Es macht eben einen Unterschied, ob man ein traditionelles Lied so interpretiert:

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Zeynep Başkan - Yüce Dağ Başında Yanar Bir Işık | Bild: Mert Müzik Üretim Official (via YouTube)

Zeynep Başkan - Yüce Dağ Başında Yanar Bir Işık

oder so wie Altın Gün:

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Altın Gün - Yüce Dağ Başında | Bild: Altın Gün (via YouTube)

Altın Gün - Yüce Dağ Başında

Der Komponist von „Yüce Dağ Başında“ ist unbekannt. Viele der Songs, die Altın Gün spielen sind alte Volkslieder. Die Band feiert und verneigt sich vor allem vor der Musik der 60er und 70er Jahre – vor Musiker*innen wie Selda Bağcan oder Neşet Ertaş. Deren Songs laufen bis heute im türkischen Radio, jeder kann sie mitsingen. In dieser Folktradition des Weitererzählens sehen sich auch Altın Gün. Sie covern nicht, meinte Bandgründer Jasper Verhulst im Zündfunk-Interview vor zwei Jahren. Jasper Verhulst ist Niederländer, spricht zwar kein Türkisch, aber liebt die Musik. In einem Amsterdamer Plattenladen hat der Vinyl-Digger zum ersten Mal Selda Bağcan gehört. Da war es um ihn geschehen: "Es hat mich umgehauen, ich hatte so etwas vorher noch nie gehört. Ich habe die Platte gekauft und mich dann immer tiefer und tiefer in die Welt des anatolischen Folkrocks gegraben."

Bandmitgliedersuche per Facebook

Der Mix aus Folkmusik und den psychedelischen Sounds der 70er hat es Verhulst sofort angetan. Über Facebook beginnt er, Musiker*innen zu suchen, die mit ihm diesen Sound spielen wollen – und vor allem sucht er auch Menschen, die türkisch singen können. Er findet die Sängerin Merve Daşdemir und den Lautenspieler Erdinç Ecevit. Die beiden wechseln sich auch auf der neuen Platte „Yol“ am Mikrofon ab. Der Sound ist nicht mehr traditionell. Wir sitzen eher neben Ryan Gosling im Fluchtwagen, wenn er im Film „Drive“ in die Nacht hinein cruist:

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Altın Gün  - Ordunun Dereleri | Bild: Altın Gün (via YouTube)

Altın Gün - Ordunun Dereleri

Grammy-Nominierung: Bestes Worldmusic Album

Der warme, auch mal knarzende Psychedelik-Rock hat Altın Gün vor zwei Jahren sogar eine Grammy-Nominierung als bestes Worldmusic Album eingebracht. Damals haben sie die Musik noch auf alten Vintage-Verstärkern eingespielt. Neu ist jetzt, dass Altın Gün nun auch Synthie- und Europop in ihren Retro-Sound mischen, auf ihren beiden ersten Alben sind sie noch sehr nah an den Originalen geblieben.

Ein Vinyl-Digger ohne Türkischkentnisse

Geht das klar, wenn ein Vinyl-Digger wie Verhulst türkische Sänger sucht und mit ihnen „Kara Toprak“ – geschrieben von der türkischen Musikerlegende Âşık Veysel – covert? Oder ist das kulturelle Aneignung? Was sagt die deutsch-türkische Community? Wir fragen Tuncay Acar. Der DJ lebt in München und macht selbst anatolische Psychedelic Musik. Die neue Platte ist Acar zu glatt produziert, obwohl er Altın Gün mag und den Erfolg der Band zu schätzen weiß: „Âşık Veysel als lockerflockiger Popsong ist für meine Ohren einen Ticken zu viel. Wenn man die Geschichte der Songs kennt, dann passt es nicht zusammen. Aber ich freue mich, wenn das hiesige Publikum das anders auffasst. Ich hoffe, dass man über Altın Gün den Weg zu diesen alten Meistern findet. Das ist einfach wunderschöne Musik.“

Yol – der Weg

Der Albumtitel „Yol“ heißt übersetzt „Weg“. Der Weg in die hiesigen Gehörgänge. Vielleicht ist das der Weg, den Altın Gün ebnen. Auch wenn die Bandidee von einem Niederländer kommt und nur ein Teil der Band türkisch spricht und die teils melodramatischen Songtexte versteht: Es ist gut, dass diese Band den Sound in die Charts und die Radiostationen hievt, findet auch Tuncay Acar: "Das gelingt derzeit leider nur durch weiße Spezialist*innen. Und das ist noch ein ein Manko: Ich hoffe, dass wir in Zukunft auch eine Stimme entwickeln und uns selber vertreten können. Aber ich bin natürlich auch dankbar, wenn ein innovativer Sound entsteht, der dafür sorgt, dass eine Reichweite für diese Art von Musik geschaffen wird."

Der Folkore entrissen

"Yol" ist das dritte Album von Altın Gün

Altın Gün haben einen Blick von außen auf die anatolische Folkmusik. Sie bleiben in der Tradition, aber entreißen die Songs der Folklore. Der frische Anstrich macht den Charme und Erfolg dieser Band aus. Wenn man so will, sind Altın Gün die anatolischen Tame Impala, die ja den Psychrock weltweit wieder auf die Überholspur gebracht haben. Mit „Yol“ wird die Fangemeinde für türkische Folkmusik weiterwachsen. Vielleicht tanzen bald nicht mehr nur Deutsche und Türken Arm in Arm, wie bei ihrem Konzert vor zwei Jahren in Augsburg. Vielleicht singen bald auch Deutsche ihre Lieder mit. Deswegen ist so eine Band wie Altın Gün so wichtig. Wenn dadurch noch mehr türkische Bands hierzulande erfolgreich werden, dann ist das am Ende das I-Tüpfelchen – das im Namen von Altın Gün übrigens fehlt.


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