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Album der Woche: "Designer" Aldous Harding zeigt auf "Designer" eindrucksvoll die Power der Verletzlichkeit

Aldous Hardings dritte Platte "Designer" ist das perfekte Frühlingsalbum. Es zeigt eine gleichzeitig selbstbewusste wie permanent zweifelnde Frau, die souveräne Folk-Songs über Liebe und Angst abliefert.

Von: Roderich Fabian

Stand: 23.04.2019

Ein unbedingtes Qualitäts-Merkmal ist es für mich, wenn mir neue Musik unmittelbar angenehm-vertraut vorkommt, obwohl ich sie zum ersten Male höre. Die neuen Songs von Aldous Harding haben diese Qualität, aber nicht, weil sie eingefahrene Hörgewohnheiten bedienen, sondern weil sie mich emotional ansprechen, vom ersten Moment an. „In deinen Augen sehe ich das Gewicht der Planeten“, singt Aldous Harding in "Weight of the Planets", "und es macht dich fertig".

Poetischer Folk ohne konkrete Handlungsanweisungen

Wer kennt das nicht, wenn einem Menschen begegnen, die sich nicht von den großen Problemen der Welt distanzieren können und man sofort Fluchtgedanken bekommt? Aber Aldous Harding gibt in ihren Songs keine konkreten Handlungsanweisungen. Hier regnet es eher poetische Beschreibungen von Gefühlen, die man sehr oft nachvollziehen kann.

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Aldous Harding - The Barrel (Official Video) | Bild: 4AD (via YouTube)

Aldous Harding - The Barrel (Official Video)

Im Song "Zoo Eyes" beschreibt sie eine Reise nach Dubai und dass sie da eben mit Kinderaugen durch die Gegend gefahren ist, weil es so viel zu entdecken gab wie früher im Zoo. "Ich habe mein Inneres Kind zu der Show gefahren", singt sie dort. Im weiteren Sinne ist das immer noch Folk, was Aldous Harding hier macht. Ihre Mutter war schon eine prekär lebende Folksängerin. Tochter Hannah nannte sich Aldous als Referenz an Aldous Huxley, den Autor von "Schöne neue Welt" und "Die Pforten der Wahrnehmung". Und alle Songs hier folgen der Maxime von Aldous Huxley, dass es im Leben mehr gibt als einfache Wahrheiten, dass vieles im Ungewissen, Geheimnisvollen bleibt. Und vielleicht ist es das, was mir so vertraut vorkommt.

Liebevolle Referenzen an "Schöne neue Welt" Autor Aldous Huxley

Aldous Harding lebt das Leben einer modernen Musikerin, d.h. sie ist ständig auf Tour, weil man damit Geld verdient. Das hier ist also kein Album von "down under", sondern eine Welt-Erfahrung. Produziert hat wie schon das Vorgänger-Album "Party" wieder John Parish, also der Intimus von PJ Harvey. Und er hat diesen nachdenklichen Songs viel Luft zum Atmen gelassen. Nichts ist hier zuviel, alle - meist akustischen - Instrumente kommen hier klar zum Vorschein.

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Aldous Harding - Fixture Picture (Official Video) | Bild: 4AD (via YouTube)

Aldous Harding - Fixture Picture (Official Video)

Wenn man denn überhaupt Referenzen anführen will bei der Musik von Aldous Harding, dann kommen mir höchstens frühe Songs von Grace Slick bei Jefferson Airplane in den Sinn. Oder sogar der Pop-Folk von Donovan aus den Sixties, als die Musik psychedelisch war und zugleich hoffnungsvoll, als man das Gefühl hatte, dass man tatsächlich nur die "Pforten der Wahrnehmung" öffnen muss, um in eine bessere Welt zu gelangen. Aber manchmal reicht ja schon eine Platte wie "Designer", um ein bisschen hoffnungsvoller in die Zukunft zu schauen.


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