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„Queens Of The Summer Hotel“ Aimee Mann findet die schönsten Worte und Melodien für psychische Krankheiten

Depression, Borderline-Störung, Streichquartett: Aimee Mann gewann 2018 einen Grammy für „Mental Illness“. Nun setzt sie das Album mit „Queens Of The Summer Hotel“ fort. Entstanden ist Musik, die ihre und unsere Seelen reinigt.

Von: Roderich Fabian

Stand: 08.11.2021

Aimee Mann ist eine selbstbestimmte Künstlerin. Mit dem Musikbusiness hatte sie daher schon immer ihre Probleme. Ende der 1990er Jahre löste sie sich vom Label des Medienmoguls David Geffen und gründete ihren eigenen Laden namens „SuperEgo Records“. Hier ist auch ihr neues Album „Queens Of The Summer Hotel“ erschienen.

Der Ursprung des Albums ist eine Auftragsarbeit. 2018 sollte Aimee Mann die Musik und die Texte zu einer Musicalfassung des Buches „Girl, Interrupted“ von 1993 schreiben. Das sind die Erinnerungen der Autorin Susanna Kaysen an ihre zwei Jahre in der geschlossenen Psychiatrie. 1999 wurde „Girl, Interrupted“ von Hollywood verfilmt, mit Winona Ryder in der Hauptrolle.

Das Musical „Girl, Interrupted“ wurde jedoch nie realisiert. Vielleicht sind Depressionen und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung nicht das perfekte Sujet für ein Singspiel. Aber Aimee Mann hatte nun einige Songs an der Hand, um sozusagen an einer Fortsetzung ihres Albums „Mental Illness“ von 2017 zu schreiben, das mit einem Grammy prämiert worden war.

Songs über die Suche nach Halt und bipolare Störungen

Ein Song wie „You’re Lost“ erzählt von einer Frau, die vergeblich nach Halt sucht. „Wenn nichts dich zusammenhält, wenn nichts mehr als Rahmen taugt“, heißt es darin, „dann hast du dich verirrt in einem Meer aus Zweifeln – und du findest nicht mehr heraus.“

Aimee Mann beschäftigt sich zum zweiten Mal mit diesen weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten und findet jeweils die richtigen Worte und die schönsten melancholischen Melodien dafür. Der Song „Robert Lowell And Sylvia Plath“ ist zwei amerikanischen Schriftstellern gewidmet, die beide von einer bipolaren Störung betroffen waren.

"Du bist aufgespalten in zwei Hälften – Und beide Hälften sind nicht du – Und obwohl du weißt, was gespielt wird, wirst du dieses Gefühl nicht los"

Songzeile aus ‘Robert Lowell And Sylvia Plath’ von Aimee Mann

Musikalisch arrangiert sind die Songs auf „Queens Of The Summer Hotel“ für Klavier und Streichquartett. Nur ganz selten kommen Schlagzeug oder Gitarren zum Einsatz. Aimee Mann, die als Komponistin schon immer ein bisschen an Paul McCartney erinnerte, hat hier eine ganze Reihe von Songs geschrieben, die es mit „Eleanor Rigby“ oder „Yesterday“ aufnehmen können.

Die Musik kontrastiert in ihrer Schönheit die teilweise todtraurigen Texte, nicht selten im ¾-Takt. „In Mexico“ ist ein Song über eine abhängige Pillenschluckerin, die dringend auf die Rückkehr ihres Dealers aus Mexiko wartet. „Ich bin die Verrückte, auf die sie zeigen können“, singt Aimee Mann. „Ich bin die, der die Schuld gegeben wird.“ Also gehe sie nur nachts hinaus und laufe durch die dunklen Straßen.

Wer sterben will, trägt Verantwortung

Auf der Single „Suicide Is Murder“ geht es um die Verantwortung derer, die aus dem Leben gehen wollen, die damit aber auch den Zurückgebliebenen etwas antun. „Gib Acht!“, mahnt Aimee Mann in dem Song. „Denn jeder, der dich kannte, wird verflucht sein, auch bei ihnen stirbt etwas.“

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Aimee Mann -  Suicide Is Murder | Bild: Aimee Mann (via YouTube)

Aimee Mann - Suicide Is Murder

„Queens Of The Summer Hotel“ ist nicht weniger als das beste Album, das Aimee Mann seit dem Soundtrack des Paul-Thomas-Anderson-Films „Magnolia“ von 1999 gemacht hat. Anderson hatte seinen Film ganz nach den von ihr vorgegebenen Songs geschrieben. Der große Erfolg von „Magnolia“ sorgte bei Aimee Mann aber nicht für Euphorie, sondern verstärkte ihre depressiven Neigungen.

Die Kompositionen von ihrem neuen Album sind zeitlos, die Texte hart, aber eben auch kathartisch, sie reinigen bestenfalls nicht nur die Seele der Künstlerin, sondern auch die der Hörerinnen und Hörer. Und: Dass für diese Reinigung ein Bedarf besteht, kann – allein wegen der Corona-Krise – bestimmt so gut wie jeder Psychotherapeut bestätigen.

Wenn ihr Menschen kennt, die verzweifelt sind, oder wenn ihr selbst Suizidgedanken habt, könnt ihr euch anonym und jederzeit bei der Telefonseelsorge melden, die Nummer ist: 0800 111 0 111.

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