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Album der Woche: This Is Trojan Wie Jamaica Sound eine gespaltene Gesellschaft retten kann

Desmond Dekker, Lee Scratch Perry, Jimmy Cliff - Vor 50 Jahren wurde das legendäre Label Trojan Records gegründet. Trojan hat aber mehr verändet als die Popkultur, der Jamaica-Sound des Labels steht für den Beginn der ersten multikulturellen Subkultur. Zum Jubiläum hat Label drei Doppel-CDs (Reggae, Rock Steady und Ska) veröffentlicht.

Von: Florian Fricke

Stand: 01.08.2018

1968 in London: Chris Blackwell und Lee Gopthal gründen Trojan Records als Unter-Label von Island Records. Sie wollten die Songs von jamaikanischen Produzenten in Großbritannien besser vermarkten. Zielgruppe sind die modebewussten Mods, die neben R’n’B, Soul und Northern Soul auch gerne Ska hören -  der hatte sich Anfang der 60er Jahre auf Jamaica entwickelt. Eine weitere Zielgruppe stellen die karibischen Einwanderer dar. Der britische Musiker, DJ und Journalist Don Letts ist in London geboren, seine Eltern kamen Mitte der 50er aus der Karibik nach England. Er sagt: "Die Afroamerikaner aus der Karibik wurden nach England eingeladen um die Nachkriegswirtschaft anzukurbeln. Sie kamen, weil sie ein besseres Leben suchten, auch für ihre Kinder. Sie kamen mit viel Hoffnung, vielen Träumen – und ihrer Plattensammlung. 1968, das Jahr, in dem sich Trojan Records gründete, wurde ich zwölf. Und habe mich so langsam für Politik zu interessiert. Wir hörten die Botschaften, die aus den USA herüber schwappten. James Brown, „Say it loud, I’m black and I’m proud“. Meine Generation, die erste schwarze Generation, die in England geboren wurde, war viel militanter und politisierter als unsere Eltern.“

Die erste multikulturelle Subkultur

Don Letts

1968 hält der Tory-Abgeordnete Enoch Powell auch seine berüchtigte „Rivers & Blood“-Rede, in der er vor den Einwanderern warnt: die würden früher oder später gegen die Briten aufbegehren.  In der Folge erhalten die Rechtsextremen Zulauf, rassistische Übergriffe auf die Einwanderer häufen sich. Aber es gibt eben auch diese künstlerische Gegenbewegung aus Jamaica. Musik voller Soul, Sonne und Sex. „Meine weißen Freunde begannen sich für diese Musik zu interessieren. Sie liebten die Musik, den Stil und die Attitude der Jamaikaner. Das alles manifestiert sich in der ersten multikulturellen britischen Subkultur: Skinheads! Das waren weiße Arbeiterjungs, die sich für die jamaikanische Rude Boy Kultur interessierten“, erzählt Don Letts.

Musik als Tool für sozialen Wandel

Aus Ska hatte sich Ende der 60er auf Jamaica die langsamere Variante Rocksteady entwickelt, angeblich weil der Sommer 1967 entsetzlich heiß war. Außerdem sollten so die überhitzten Gemüter der Rude Boys beruhigt werden - jugendlichen Kleinganoven, die so manche Schlägerei während der Konzerte anzettelten. Bis Mitte der 70er Jahre sorgten die damals eher unpolitischen Skinheads für etliche britische Top Ten-Platzierungen für Trojan Records – und das in einer Zeit voller sogenannter Rassenunruhen. Don Letts: „Es war die Musik von Trojan, die die Menschen zusammenbrachte – auf dem Spielplatz, der Straße und in den Clubs. Trojan entwickelte sich zu einem Tool für den sozialen Wandel. Und ich glaube nicht, dass das so viele Plattenfirmen von sich behaupten können.“

Und so kann man Trojan auch verstehen als hervorragendes Leuchtturmprojekt für die Gegenwart. Kulturelle Verständigung funktioniert am einfachsten über Musik, diese Erkenntnis ist so alt wie die Menschheit. Hört mehr global, feiert zusammen, die x-te Gitarren-Indieband hat einen längeren Bart als ihre Musiker eh schon zur Schau tragen.


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